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BeitragDen ganzen Beitrag als PDF runterladen (auf Spanisch)Gustav Regler, Juanita. Ein Roman aus dem Spanischen BürgerkriegGustav Reglers zweiter großer Bürgerkriegsroman Juanita unterscheidet sich in wesentlichen stilistischen und inhaltlichen Aspekten von Das große Beispiel. Bereits die Entstehungsgeschichte des Romans weist auf eine Zwischenstellung des Romans im Gesamtpanorama der deutschen Bürgerkriegsliteratur hin. Die Arbeit an Juanita wurde zwar schon 1938 begonnen, der Roman konnte aber erst 1941 im mexikanischen Exil fertiggestellt werden. 1943 wurde das 11. Kapitel Clair de lune in englischer Sprache (Kesten/Mann, 1943) abgedruckt. Zum 50. Jahrestag des Bürgerkriegs 1986 erschien Juanita erstmals in Deutschland. I. InhaltsangabeJuanita, Adoptivtochter einer Gräfin, bleibt bei Ausbruch des Bürgerkriegs in der verlassenen Villa in Madrid zurück. Zufällig gerät sie in eine Demonstration ins Stadtzentrum, wo sie Francisco kennenlernt. Juanita kehrt nach Hause zurück und versucht, die politischen Ereignisse draußen zu ignorieren. Erst als die Miliz das Haus konfisziert, flieht sie in die finnische Botschaft, wo sich Adlige und Faschisten versteckt halten. Dort trifft sie Francisco wieder, der sich als enteigneter Gutsbesitzer und Faschist zu erkennen gibt. Mit einer Gruppe jugendlicher Falangisten verübt er nachts Terroranschläge und Sabotage-Aktionen. Chef der Gruppe und eigentlicher Herrscher über die Flüchtlinge in der Botschaft ist jedoch der deutsche SS-Mann von Ertzheim. Er überzeugt Juanita davon, als Spionin für ihn zu arbeiten. Sie wird daraufhin im Hotel Florida, einem Treffpunkt für Journalisten und Spione, einquartiert. Dort freundet sie sich mit der Prostituierten Simone an, die für die Republikaner arbeitet. Nach einiger Zeit erhält Juanita Aufträge aus der Botschaft, die ihr von Francisco überbracht werden. Sie begibt sich ins Palace-Hotel, das gleichzeitig als Hospital fungiert, wo sie den Chefarzt Dr. Ulla Gómez treffen soll. Es stellt sich heraus, dass er republikanische Verletzte ermordet und Franquisten in einer eigens dafür eingerichteten Abteilung versteckt. Ein zweiter Auftrag führt sie auf das Landgut eines Gutsbesitzers, der in der Botschaft Zuflucht gefunden hat. Dort soll sie Lebensmittel für die Flüchtlinge organisieren. Der Verwalter José gehört zwar offiziell zur FAI, steht jedoch weiterhin zu seinem ehemaligen Herrn und sabotiert den mittlerweile kollektivierten Betrieb. Während Juanitas Besuch kommt es zu einer Versammlung der Bauern, auf der auch Juanita als angebliche Genossin aus der Stadt spricht. Im Krankenhaus angekommen, lässt Ulla Gómez die Lebensmittel jedoch in die finnische Botschaft umleiten. In der Zwischenzeit hat sich auch der sowjetische Geheimdienst GPU unter der Führung von Gregorowitsch im Palace-Hotel eingerichtet. Simone bringt den Russen eine Liste mit den Namen der in der Stadt versteckten Faschisten ins Hotel. Juanita hält sich ebenfalls im Palace auf und wird von einem deutschen Doppelagenten entlarvt. Sie wird während eines Telefonats mit der Botschaft verhaftet und im Beisein von Simone verhört. Gregorowitsch will Juanita zur Zusammenarbeit gewinnen und lässt sie unter Bewachung an einer Sitzung des Volksgerichts teilnehmen. Dabei wird sie auf der Straße von Francisco entführt, der ihren Bewacher niederschießt und schwer verletzt. Francisco und Juanita kehren erst am nächsten Morgen in die Botschaft zurückkehren und werden dort wegen Franciscos kühner Befreiungsaktion als Helden gefeiert. Von Ertzheim hat das Gebäude mittlerweile für die Verteidigung vorbereitet, denn die Räumung der Botschaft durch die Volksmiliz steht trotz diplomatischer Bemühungen der Engländer und der republikanischen Regierung unmittelbar bevor. Die militärische Disziplin wird jedoch untergraben, weil Juanita eine richtige Hochzeit feiern möchte. Ein prunkvolles Gelage mit den Lebensmitteln vom Gut wird vorbereitet, dem von Ertzheim beleidigt fernbleibt. Noch in der selben Nacht greifen faschistische Flugzeuge Madrid an, denen Francisco vom Dach aus Lichtsignale gibt. Dabei wird er von der Miliz erschossen. Juanita, von Francisco enttäuscht, weil ihm der Kampf wichtiger ist als ihre Hochzeitsnacht, öffnet das Tor der Botschaft und wird dabei schwer verletzt. Ohne noch einmal aus dem Koma zu erwachen, bringt Juanita nach nur fünf Monaten ein Kind zur Welt und stirbt dann. II. Narrative Inszenierung und Reflexion des BürgerkriegsJuanita steht von der Konzeption her bereits an der Schwelle zum Exilroman, in dem das reflektierende und rückblickende Erzählen überwiegt. Der eigentliche Anlass des Romans, die Räumung der finnischen Botschaft, wird in einem kurzen Epilog abgehandelt. Im Gegensatz zu Das große Beispiel, in dem die historischen militärischen Auseinandersetzungen im Zentrum des Erzählens stehen, vermischt Regler hier verschiedene Ereignisse, was bereits auf eine gewisse Distanz zum Erlebten hinweist. Es ging ihm weniger noch als in „Das große Beispiel“ um die Wiedergabe historischer Fakten, sondern vielmehr um eine Auseinandersetzung mit Themen wie politischer Moral und politischer Praxis, die Reaktion eines einzelnen auf einen Volksaufstand, die Ohnmächtigkeit unpolitischer Menschen in einer von schlechter Politik verdorbenen Welt, die Frage nach Humanität in den Ideologien. Zugleich dürfte es ihm aber vorrangig um den eigenen ins Wanken geratenen Standpunkt gegangen sein (Pichler, 1991 : 366)1. Darüber hinaus hat Regler in der Zeit zwischen seinen beiden Bürgerkriegsromanen offenbar nicht nur einen politischen, sondern auch einen emotionalen Wandel durchlaufen. Juanita ist aus der Perspektive einer naiven und unpolitischen Frau heraus gestaltet, die zur Grenzgängerin zwischen den beiden politischen Lagern wird. Bemerkenswert selbstbewusst ist die zweite zentrale Frauenfigur dargestellt. Als Prostituierte ist Simone einerseits Opfer, andererseits durchschaut sie die Männerwelt und verachtet sie für ihre Doppelmoral. Anders als die jungfräuliche und unschuldig-naive Juanita, die sowohl von den Faschisten als auch von den Kommunisten für ihre Zwecke benutzt wird, hat sich Simone bewusst für die Seite der Republikaner entschieden. Sie ist die einzige, die Juanita uneigennützig und aus Freundschaft beschützt und verteidigt. Hier kontrastiert Regler das Gegensatzpaar Heilige – Hure einmal auf andere und durchaus positive Weise. Mit Juanita hat Regler eine Frau als Protagonistin gewählt, die als Gegenentwurf zur Männerwelt die Liebe gegen den Krieg stellt. Diese stark christlich-religiös geprägte Darstellung der Frau, die im Roman immer wieder durchbricht, lässt auf eine Rückwendung Reglers zu seinen katholischen Wurzeln schließen2. Der Glaube Juanitas und ihre Nähe zur heiligen Jungfrau Maria, die Aufopferung der Frau in der Liebe erhöht sie gleichermaßen vor der Gefühlskälte der Männer, die ihr zwar intellektuell, aber keinesfalls moralisch überlegen sind Ein wichtiger stilistischer Ausdruck für die Relativierung der Widersprüche zwischen Kommunisten und Faschisten ist die doppelte Erzählperspektive im Roman. Indem Regler eine Innenansicht der Botschaft und ihrer Bewohner liefert, beleuchtet er auch deren Realität und beschränkt sich nicht nur auf die Darstellung der republikanischen Seite. SS-Mann von Ertzheim ist einer der Hauptakteure des Romans, der immer wieder Gelegenheit erhält, seine Ideologie darzulegen und den deutschen Faschismus über den spanischen zu stellen. Dabei ist anzumerken, dass die Botschaften als Fluchtort der „Nationalen“ ein typisches Thema der „Heimatfront-Romane“ faschistischer Autoren3 ist, das hier bei Regler aufgegriffen wird. Der gesellschaftliche Niedergang des Adels und der Zusammenbruch der bürgerlichen Moral wird bei ihm jedoch ironisiert und auf dem Hintergrund des Leidens des unterdrückten und verelendeten spanischen Volkes interpretiert und nicht als Kreuzgang verklärt. Die Vielschichtigkeit des Romans entsteht einerseits durch den häufigen Wechsel von Orten und Personen innerhalb der einzelnen Kapitel. Die Erzähltechnik Reglers ist aber auch in sich polyphon. Die Personen auf beiden Seiten sind mit innerem Monolog und erlebter Rede ausgestattet, zusammengehalten wird die durchgängige Fabel des Romans durch einen Erzähltext, der immer wieder durch Kommentare unterbrochen wird. Die auktoriale Erzähltechnik erlaubt es Regler, die Sympathie des Lesers unter Kontrolle zu halten, zu lenken und dabei nicht zuletzt auch seine eigene Position zu rechtfertigen. Mit Juanita versucht sich Regler gleichzeitig an einem Panorama der spanischen Gesellschaft, was für das Genre des deutschen antifaschistischen Bürgerkriegsroman eher ungewöhnlich ist. Wird in Das große Beispiel das Ideal der internationalen Solidarität im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg dargestellt, so finden sich in Juanita die sozialen Hintergründe für den Konflikt beschrieben, der mit ideologischen Kategorien allein offensichtlich nicht mehr auflösbar ist. Regler benutzt die Innensicht der Botschaft, um ausführlich auf die dekadente Arroganz des spanischen Hofadels in all seinen Facetten, die Korruptheit des Klerus, die Grausamkeit des Landadels und die moralische Verworfenheit ihrer Handlanger – wie die des Chefarztes Ulla Gómez oder José dem Gutsverwalter – einzugehen. Die unselige Allianz von Adligen, Faschisten und Klerus wird beinahe karnevalesk inszeniert und findet ihren Höhepunkt bei Juanitas Hochzeitsfeier. Die Handlung spielt – bis auf den Epilog – von Juli bis Oktober 1936 in Madrid, umfasst also eine kurze Zeitspanne zu Beginn des Bürgerkriegs. Regler stellt seine Romanfiguren wie auf einem Schachbrett nach und nach gegeneinander auf, sodass im Laufe des Romans mit seinen immerhin 14 Kapiteln samt Epilog auf 587 Seiten ein sehr komplexes und wegen der vielen Handlungsstränge und Personenvielfalt teilweise undurchschaubares Gefüge entsteht. Auf der einen Seite stehen die Faschisten mit dem Deutschen von Ertzheim, auf der anderen die Kommunisten mit dem sowjetischen Geheimdienstmann Gregorowitsch an der Spitze. Beide sind zynisch, berechnend und in ihrer – männlichen – Unmenschlichkeit gleichermaßen negativ gestaltet. Zwischen diesen Fronten befindet sich das Volk – Juanita, Simone, Giménez – das hin- und hergeschoben wird, ohne eigentlich zu begreifen, was gespielt wird. „Reglers Roman ist eine Apotheose des spanischen Volkes, das unverschuldet in die Mühlen der faschistischen und kommunistischen 'Weltverschwörung' gerät und dabei unter die Räder kommt“ (Pichler, 1991 : 361). Die eigenen politischen Zweifel, die in Das große Beispiel noch auflösbar scheinen und letztendlich hinter dem Ziel des Sieges über den Faschismus zurücktreten, werden bei Juanita gar nicht mehr thematisiert. Die Zweifel sind der Gewissheit gewichen, dass die Ideologien keine gerechtere Welt schaffen können. Die moralische überlegenheit der Kommunisten wird in Frage gestellt, weil sich ihre Methoden nicht von denen der Faschisten unterscheiden. In einem Gespräch zwischen Simone und Gregorowitsch im Palace-Hotel kommt dieses Thema dann auch explizit zur Sprache. »Viele sagen, dass bei uns zuviel erschossen wird.« »Liberalistisches Geschwätz. Man kommt nicht durch die Wüste ohne diese administrativen Maßnahmen.« »Viele werden sagen, dass so die Faschisten denken.« »Viele werden vieles sagen. Außerdem hat keiner je bestritten, das wir in der Prozedur mit den anderen einverstanden sind.« »Und wie soll das Volk unterscheiden?« »Das Volk hat nicht zu unterscheiden. Das tun wir. Was die Faschisten angeht, so ist nur eines zu sagen: Unsere Ziele sind andere, nicht die Mittel. Man hat das zu glauben. Wer ideologisch fundiert ist, glaubt, oder er ist eben nicht ideologisch fundiert« (Regler, 1986 : 268). In Juanita behandelt Regler den Spanischen Bürgerkrieg nicht mehr als Kampf des Guten gegen das Böse, in dem der Einzelne als Individuum Stellung beziehen muss und dabei auch etwas bewegen kann. In Das große Beispiel überzeugt Politkommissar Albert die italienischen Faschisten davon, dass sie auf der falschen Seite stehen und erreicht sogar ihre Kapitulation4. Im Gegensatz dazu ist der ideologische Kampf um die Menschen bei Juanita bereits entschieden, hier gibt es auch keine politischen Diskussionen mehr darum, ob man es mit den Anarchisten oder Kommunisten halten soll. Giménez, einer der Bauern, der den Wagen mit den Lebensmitteln vom Gut in die Stadt begleitet, besitzt praktischerweise gleich beide Parteiausweise, die er je nach Situation an den Kontrollstellen vorzeigt. Ungebrochen und nicht hinterfragt ist Reglers Glaube an das Gute im Volk. Juanita, als Symbol dieses Volkes, wird zum Spielball der Politik und gleitet oft wie im Traum durch Zeit und Raum der Romanhandlung, ohne zu verstehen, was um sie herum passiert5. Dennoch tut sie im entscheidenden Moment instinktiv das Richtige. Juanita treibt ohne es zu wollen ein Doppelspiel und gerät deswegen auch mehrmals in einen Gewissenskonflikt. Regler führt das auf ihre moralische Integrität zurück, die er der spanischen Identität zuschreibt, die sich in Juanita manifestiert. Als sie ihre Mission auf dem Gutshof erfüllt und vor der Bauernversammlung sprechen soll, gesteht sie beinahe alles, was sie in der Botschaft und im Krankenhaus gesehen hat. Juanita hat keine politische Identität, nur ihre Liebe zählt. Diese Liebe findet jedoch keine Erfüllung, weil Francisco von Hass und Rachegefühlen gegen die „Roten“ getrieben ist, die er mit nächtlichen überfällen auf Republikaner befriedigt. Analog dazu fühlt er in Juanitas Armen zwar Leidenschaft, ist zur Liebe aber nicht fähig. Juanita sucht einen Ausweg, der jenseits der Politik und auch räumlich enfernt von Madrid liegt. Francisco verhindert das, indem er sie immer wieder in die Botschaft und damit in die Auseinandersetzungen zurückholt. Juanita wie auch das Volk können dem Schicksal – die Begegnung mit Francisco6 wurde ihr geweissagt – nicht entgehen. Obwohl Juanita sich für keine der beiden Parteien entscheiden kann, öffnet sie am Ende den Milizen das Tor zur Botschaft. Diese für sie riskante Handlung entspringt jedoch eher der Todessehnsucht der Liebenden, dem toten Francisco nahe zu sein, als einer bewussten Entscheidung. Die Aktion wird ihr dann auch zum Verhängnis, was bereits den Ausgang des Bürgerkriegs vorausnimmt. Auch der Blick Reglers auf die beteiligten Personen verschiebt sich im Vergleich zu Das große Beispiel. Während sich im ersten Roman Interbrigadisten und Faschisten an der Front bekämpfen, werden in Juanita die Drahtzieher der am Konflikt beteiligten Parteien hinter den Kulissen dargestellt. Das Volk kann dieses Spiel nicht durchschauen und tappt blind in die Falle, die sowohl von ausländischen wie auch spanischen Strategen vorbereitet wird. Am Ende stürmt die Miliz zwar die Botschaft, aber von Ertzheim kann mit Hilfe eines englischen Diplomaten und eines spanischen Regierungsbeamten entkommen7. Juanita ist ein Roman, der weitgehend auf Fiktion beruht, obwohl historische und geographische Fakten die Rahmenhandlung bestimmen und reale Personen mit in die Erzählung einfließen8. Im Vergleich zu Das große Beispiel treten bei Juanita jedoch die konkreten Erlebnisse des Erzählers in den Hintergrund, auch wenn Reglers Kenntnisse der spanischen Gesellschaft und seine persönlichen Erfahrungen im Bürgerkrieg die Glaubwürdigkeit der Fabel erhöhen. Obwohl der erste Roman nicht rein autobiographisch ist, finden sich zwischen Regler und Kommissar Albert viele Parallelen. Im zweiten Roman ist die Identifizierung mit einer bestimmten Person dagegen nicht so ohne weiteres möglich. Juanita ist mehr allegorisch denn real, ihre eigentliche Herkunft und ihr wahres Alter bleiben ungenau, der Leser erfährt nur wenig aus ihrer Biographie. Ihr eigentliches Leben beginnt mit Ausbruch des Bürgerkriegs, was Juanitas symbolischen Charakter genauso betont wie ihr Todestag9. Während im Aufbruch Juanitas noch Selbstbewusstsein liegt, wird sie im Verlauf des Romans immer mehr fremdbestimmt. Juanita steht für den Untergang des spanischen Volkes, das sich zwar gegen diese Bevormundung wehrt, am Ende aber nichts dagegen ausrichten kann. Juanita ist keine Heldengestalt, sie kämpft nicht und sie bezieht keine eindeutige Position. Es fehlt ihr an jenen Attributen, die bei den kommunistischen Kämpfern zum Vorbildcharakter beitragen. Juanita ist keine Identifikationsfigur, sie erlebt die Geschichte nicht aktiv und durchläuft auch keine Entwicklung in eine bestimmte Richtung. Sie sucht die Bestätigung der Gemeinschaft, unabhängig davon, ob es sich um die Faschisten in der Botschaft oder um die anarchistischen Bauern handelt, bleibt also Grenzgängerin. Diese durchweg positive – und unkritische – Darstellung des Volkes bzw. seiner Symbolfiguren wird im Verlauf des Romans immer wieder thematisiert. Obwohl sich der Autor zu der Zeit, in der die Arbeit an Juanita beendet wurde, bereits von der kommunistischen Partei abgewandt hatte, steht seine Sympathie für das spanische Volk und die republikanische Regierung nicht in Frage. Das wird auch am Konflikt zwischen Gregorowitsch und Michailow deutlich. Regler unterscheidet sehr wohl zwischen beiden Parteifunktionären. Michailow ist zwar für den Geheimdienst tätig, hat aber menschlichere Züge als Gregorowitsch und ist deshalb gefährdet, was im Roman auch angesprochen wird10. Während Juanita das moralische Gewissen symbolisiert, scheint Michailow Reglers politisches Gewissen zu verkörpern. In einer der zentralen Stellen im Roman findet eine Begegnung zwischen Michailow und den spanischen Bauern, die sich vor dem Konsulat versammelt haben, statt. Dort erzählt er die Geschichte der mordenden Kosaken in Russland, setzt sie mit den Franquisten gleich und betont damit die Dialektik des gemeinsamen Kampfes, die auch seine Anwesenheit in Spanien erklärt. „Michailow machte eine kleine Pause, ehe er sagte: »Und deshalb bin ich auch zu euch gekommen.« »Gut ist’s«, sagte eine Frau“ (Regler, 1986 : 528). Die Verständigung zwischen den Völkern findet eben nicht im Palace-Hotel statt, wo die Fäden gezogen werden, sondern auf der Straße zwischen den einfachen Menschen aus dem Volk. Diese Begegnung und ein Gespräch mit dem Verantwortlichen der Gruppe lässt Michailow über die Verhältnisse in der Sowjetunion nachdenken, was dazu führt, dass er den Befehl Gregorowitschs, die Milizen nach Hause zu schicken, sabotiert. Der Dialog zwischen Michailow und dem Milizionär liest sich wie eine Kurzfassung Reglers Kritik an der kommunistischen Parteipolitik. »Und was denkst du, Genosse?« … »Befehl ist Befehl«. Der Responsable gibt sich damit aber nicht zufrieden. »Noch nie gegen einen Befehl rebelliert?« fragte der Responsable. Wenn er nur aufhören würde zu grinsen, dachte Michailow und hauchte seine Gläser an. »Die täuschen sich sogar manchmal auch«, sagte der Responsable. Gleich werde ich ebenfalls grinsen, dachte Michailow, und dann bin ich verloren (Regler, 1986 : 529). Die Partei bevormundet die Menschen nicht nur auf jede erdenkliche Weise, sondern bringt sie dazu, sich einer Selbstzensur zu unterziehen. Sogar ein Grinsen, das in dieser Situation nur allzu menschlich ist, wird damit subversiv. Hier geht es nicht nur um politische Rechte, sondern auch um Menschenwürde. »Sie freuen sich an der Revolution. Man hat sich nicht an der Revolution zu freuen« (Regler, 1986 : 266), sagt Gregorowitsch. Auch an dieser Stelle weist der Text über den politischen Rahmen des spanischen Bürgerkriegs hinaus. Die kritische Distanz lässt sich u.a. auch an kleinen technischen Ungenauigkeiten wie Zeitpunkt und Ablauf des Sturms auf die Botschaft festmachen11. Einzelpersonen wie von Ertzheim und Gregorowitsch, aber auch Personengruppen wie der Adel oder die Bauern sind bewusst exemplarisch und in ihrer Funktion, was in marxistischer Tradition immer auch Klassenzugehörigkeit bedeutet, gestaltet. Verstärkt wird dieser Eindruck durch den autoritären Erzählstil Reglers, der keine Interpretation der Handlung oder der Figuren zulässt, indem er immer wieder von außen eingreift und das Geschehen kommentiert. So bleibt für den Leser nichts offen. Selbst das eigentlich hoffnungsvolle Ende des Romans – der Sieg der Volksmiliz über die Faschisten – wird durch Juanitas schwere Verletzung zur Niederlage. Der Sieg der Schlacht von Guadalajara – zentrales Thema des ersten Romans – fällt hier mit der Geburt des von Francisco gezeugten Kindes und Juanitas Tod zusammen, was als Sieg des Faschismus oder zumindest als Hinweis auf eine ungewisse politische Zukunft interpretiert werden kann. III. Teilhabe an der Erinnerungskultur zum spanischen BKJuanita ist ein groß angelegter Polit- und „Spionagethriller mit ein bisschen, sex, action and crime“ (Pichler, 1991 : 361) und deshalb untypisch für das Genre. Während in anderen Bürgerkriegsromanen Themen wie der Kampf an der Front und das Leben in den Interbrigaden nahezu im Verhältnis 1:1 aufgegriffen werden, und trotz verlorener Schlachten, übermacht des Feindes und sterbender Helden das Bild des am Ende (weltweit) siegenden Sozialismus heraufbeschworen wird12, geht es Regler hier bereits um die Aufarbeitung der Niederlage, die über den Bürgerkrieg hinausgeht. Das individuelle Scheitern Juanitas wird in einen größeren politischen Zusammenhang gestellt und damit auf mehreren Ebenen parallel zueinander interpretierbar. Dabei spielt die Biographie Reglers – also die subjektiv erlebte Geschichte – eine zentrale Rolle. Seine persönlichen Erlebnisse in Moskau, die in seiner Autobiographie ausführlich geschildert werden, die Beteiligung am Spanischen Bürgerkrieg und sein Austritt aus der KP ist dabei auch kollektiv erfahrene Geschichte vieler Kommunisten, die in den Roman mit einfließt. In Juanita geht es ihm dabei nicht mehr allein um den spanischen Bürgerkrieg als modellhaften Kriegsschauplatz, auf dem der Protagonismus der Kommunisten im Kampf um eine gerechtere Welt beispielhaft verarbeitet wird. Madrid – und damit Spanien – ist zur Kulisse für den sowjetischen Geheimdienst geworden, der um seinen Einfluss in Spanien, aber nicht um eine wirkliche Veränderung der Verhältnisse kämpft. So werden allenfalls nostalgische Erinnerungen an die russische Revolution wach, wenn Michailow den spanischen Bauern vor der Botschaft vom Kampf gegen die Kosaken erzählt. Dabei wird klar, dass diese Erinnerung bereits Geschichte ist, auch wenn Michailow hier noch einmal den Bogen nach Spanien schlagen kann und die Vermittlung eines gemeinsamen Ziels – den Sieg über die Faschisten – gelingt. Die Perspektive Reglers hat sich im Vergleich zum ersten Roman verschoben. Trotz aller Zweifel und Bedenken übt Albert/Regler solidarische Kritik an der Partei, er ist immer noch ein Teil von ihr, auch wenn hier schon die unselige Rolle der GPU thematisiert wird. Zur Zeit, in der Juanita entstand, sind diese Zweifel zur Gewissheit geworden, der Bruch ist vollzogen. Im zweiten Roman rückt deshalb die ähnlichkeit zwischen den beiden Ideologien in den Vordergrund, was sich sowohl in den Persönlichkeiten Gregorowitsch – von Ertzheim selber, als auch in ihrem jeweiligen Diskurs widerspiegelt. Damit steht Regler – auch als Erzähler – außerhalb des Geschehens. Er beobachtet und kommentiert aus der Distanz heraus, weil sich sein Standort verändert hat. Er selbst hat sich von der kommunistischen „Familie“ getrennt, was gleichzeitig seine soziale und politische ächtung zur Folge hat. Das bestimmt weitgehend die Sicht auf sein Werk und erklärt unter anderem, warum das Buch erst 1986 erscheinen konnte. In der BRD wurde linker antifaschistischer Widerstand vor 1968 kaum wahrgenommen und in der DDR gab es keinen Platz für Linke jenseits der kommunistischen Partei. Dort wurde nur „Spanienkriegsliteratur“ von parteitreuen Autoren13 rezipiert, wie auch insgesamt nur der kommunistische Antifaschismus historisch und literarisch wahrgenommen wurde. Autoren, die sich von der kommunistischen Partei losgesagt hatten, wurden zudem auch in Westdeutschland – vor allem nach 68 – als Renegaten verachtet (Domdey/Rohrwasser, 1990 : 74). Das ist deshalb von Bedeutung, weil die sogenannte Renegatenliteratur als historische Erfahrung als nicht relevant angesehen wurde oder sogar als unglaubwürdig galt. Dabei verarbeitet Regler durchaus nicht nur seine individuelle Enttäuschung, wie ihm vorgeworfen wurde, sondern thematisiert vor dem Hintergrund des spanischen Bürgerkriegs Zeitprobleme, die auch nach Beendigung des Stalinismus noch jahrzehntelang als Tabu galten14. „Es ist ein historisches Ergebnis der Stalinschen Politik, dass unter den deutschen Freiwilligen in Spanien der doppelte Dissident – gegen Hitler und gegen den Stalinismus – geboren wurde“ (Schoeller, 2004 : 295). Dabei handelt es sich also nicht um ein subjektives Schicksal, sondern um eine Erfahrung, die viele Intellektuelle in dieser Zeit teilten15. Offensichtlich scheint dieser erste Aspekt, dass es sich bei Regler um einen Antifaschisten handelt, vor dem Hintergrund der Niederlage in Spanien, dem Beginn des zweiten Weltkriegs und den darauf folgenden Kalten Krieg in Vergessenheit geraten zu sein. Doch auch gerade im Hinblick darauf ist Juanita Teil der literarischen Umsetzung politischer Geschichte und keinesfalls nur Manifest eines vom Glauben abgefallenen Kommunisten. Der Roman hebt sich auch wegen der fehlenden Heldenmystifizierung von anderen Bürgerkriegsromanen (Bredel, Renn u.a.) ab. Es gibt niemanden, mit dem sich der Leser identifizieren kann – und soll. Hier werden vielmehr Zusammenhänge dargestellt, die sowohl die Faschisten als auch die Kommunisten – zumindest den sowjetischen Geheimdienst und die Parteistrategen – gleichermaßen unsympathisch machen und ihre politische Praxis in Frage stellen. Das Volk hat zwar die moralische Berechtigung, gegen diese Machenschaften zu kämpfen, ist aber dazu nicht in der Lage oder auch politisch zu indifferent, wie die Figur Juanitas zeigt. Diese Problematik ist sicherlich ein Aspekt des Spanischen Bürgerkriegs der bisher nur wenig Beachtung gefunden hat. Regler greift mit Juanita kein spezifisch spanisches Thema auf, sondern problematisiert bereits ansatzweise, was dann nach dem Ungarn-Aufstand 1956 oder spätestens 1968 nach dem Einmarsch der Sowjets in der Tschecholsovakei viele westeuropäische Linke zum endgültigen Bruch mit der Kommunistischen Partei veranlasste. Dennoch zeigt der Roman auch die Zerrissenheit innerhalb der spanischen Gesellschaft auf und ergänzt damit das Bild, das andere Bürgerkriegsromane von dieser Zeit geben. Fußnoten1 Vgl. dazu auch den Artikel von Schmidt-Henkel (1985 : 211). Er bezeichnet die Arbeit an Juanita als kathartisch und einen Akt der Selbsttherapie Reglers. 2 Regler greift hier mehrmals auf die Dichtung der Theresia von Avila zurück. So ist das Motto des ersten Kapitels aus ihrem Gedicht Sehnsucht nach dem ewigen Leben entnommen. Auch im weiteren Verlauf der Handlung bezieht Juanita Stärke aus der mystischen und weltflüchtigen Dichtung, die ihrem eigenen Wunsch nach Transzendenz entspricht. 3 Exemplarisch sei hier Wenceslao Fernández Flórez mit Una isla en el mar rojo erwähnt und auf Mechthild Alberts Aufsatz Der Kampf um die Heimatfront. Sentimentalität und Ideologie im faschistischen Bürgerkriegsroman verwiesen. 4 Regler bezeichnet das in seiner Autobiographie (1958) als den sinnvollsten Sieg des Bürgerkriegs. 5 Sabine Brandt (1987) kritisiert in ihrer Rezension völlig zu Recht, dass Regler das Volk zu undifferenziert darstellt. Es sei ihm vor allem darum gegangen, das kommunistische Weltbild zu demontieren, ohne sich jedoch von den vertrauten Versatzstücken lösen zu können. In übertriebener Volkstümlichkeit gleiche Juanita mit ihrem Mangel an Bewusstsein eher einer Somnambulen. 6 Hier wird eindeutig auf die Person Francos angespielt, worauf auch Pichler (1991 : 363) hinweist. 7 Hier spielt Regler ironisch auf die sogenannte Nichteinmischungspolitik der demokratischen Staaten wie England und Frankreich an. 8 Pichler erwähnt in seinem Aufsatz unter anderem die Affinität zwischen Michailow dem Prawda-Korrespondenten Michail Kolzow, den Regler sogar wörtlich zitiert und dem nordamerikanischen Korrespondenten Johnny, den man unschwer als Ernest Hemingway erkennen kann. Orte wie das Hotel Florida und das Palace-Hotel sind auch in ihrer Funktion authentisch (Pichler, 1991 : 365f.). 9 Am 13.3.1937 wurde der letzte und größte Sieg der Republikaner bei Guadalajara errungen. 10 Zurück in der Sowjetunion, wird er zu 12 Jahren Verbannung in Sibirien verurteilt. Sein Buch über den Spanienkrieg wird eingestampft, weil sein Optimismus angeblich zur Niederlage in Spanien beigetragen habe, heißt es im Kleinen Epilog (Regler, 1986 : 567f.). Hier unterlaufen Regler Ungenauigkeiten bezüglich des zitierten Textes und Schicksal des Schriftstellers. Kolzow wird nicht verbannt, sondern erschossen, wie Ralph Schock in seinem Aufsatz zeigt (Schock, 1984 : 555). 11 In Wirklichkeit waren es sechs Häuser, die unter dem Schutz der finnischen Botschaft standen, in denen sich insgesamt über 1000 ausländische und spanische Faschisten versteckt hielten. Außerdem fand der Sturm Anfang Dezember und nicht wie im Roman im Oktober statt. Diese Angaben basieren auf Michail Kolchows spanischem Tagebuch, in dem diese Ereignisse ausführlich kommentiert werden (Pichler, 1991 : 365f). 12 Vgl. dazu Begegnung am Ebro von Willi Bredel. Der Roman erschien erstmals bereits 1939 im Emigrantenverlag „10. Mai“ in Paris. 13 Vgl. dazu den bereits erwähnten Roman von Willi Bredel (1939) und Der Spanische Krieg von Ludwig Renn (1955). 14 Das erklärt möglicherweise die durchgängig negative Kritik, mit der Sabine Brandt in ihrer Rezension von 1987 auf den Roman eingeht, obwohl sie sich hauptsächlich auf formale Kriterien bezieht. Sie geht mit keinem Wort auf die geschichtliche Relevanz des Romans ein. 15 Vgl. dazu auch die Biographie Arthur Koestlers. Wie Regler war der Journalist Koestler KP-Mitglied, reiste in die Sowjetunion, wurde Spanienkämpfer und nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich im Lager Le Vernet interniert. 1940 sagte er sich ebenfalls öffentlich von der KP los. BibiliographieBrandt, S. (1987) „Rechte Schurken, linke Halunken“, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.1.87, 26. Bredel, W. (1977), Begegnung am Ebro. Aufzeichnungen eines Kriegskommissars, Berlin u.a. : Aufbau. Domdey, H./Rohrwasser, M. (1990), „Stalinismus und die Ausklammerung der Renegatenliteratur. Thesen“, Text + Kritik, 108, 68-75. Kesten, H./Mann, K. (1943), „Heart of Europe. An antology of creative writing in Europe 1920-1940”, New York: L.B. Fischer, 712-718. Petto, H-D. (1985), „Auf der Suche nach dem Land jenseits der Politik. Juanita, Gustav Reglers anderer Spanienroman“, in: Grund, U., Schock, R. u. Scholdt, G. (Hgg.), Gustav Regler: Dokumente und Analysen. Tagebuch 1940 und Werkinterpretationen, Saarbrücken : Saarbrücker Druckerei und Verlag, 223-234. Pichler, G. (1991), Der Spanische Bürgerkrieg (1936 – 1939) im deutschsprachigen Roman. Eine Darstellung, Frankfurt/M.: Peter Lang, 355-368. Regler, G. (1958), Das Ohr des Malchus, Köln : Kiepenheuer & Witsch. Regler, G. (1986), Juanita. Roman aus dem Spanischen Bürgerkrieg, Frankfurt/M : Büchergilde Gutenberg. Regler, G. (1978), Das große Beispiel. Roman aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Mit einem Vorwort von Ernest Hemingway, Frankfurt/M. : Suhrkamp. Renn, L. (1955), Der Spanische Krieg, Berlin: Aufbau-Verlag Schmidt-Henkel, G. (1985) „Gustav Reglers Romans "Das große Beispiel" und "Juanita" als Versuche einer literarischen Verarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs“, in: Davinau, D./Fischer,G. (Hgg.), Exil: Wirkung und Wertung. Ausgewählte Beiträge zum 5. Symposium über deutsche und österreichische Exilliteratur, Columbia, South Carolina: Camden House, 203-213. Schock, R. (1984), „Gustav Regler – Literatur und Politik (1933-1940)“, Saarbrücker Beiträge zur Literaturwissenschaft, 10, 549-574. Schoeller, W.F. (Hg.), „Die Kinder von Guernika. Deutsche Schriftsteller zum Spanischen Bürgerkrieg. Reportagen, Erinnerungen, Kommentare, Berlin : Aufbau Taschenbuch Verlag, 295. |
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