Erinnern und Erzählen

Einleitung

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Erinnern und Erzählen: Einleitung

Juanita – ein Roman aus dem spanischen Bürgerkrieg

In den Romanen über den Spanischen Bürgerkrieg ist die Frage nach dem Verhältnis von Erinnern und Erzählen eng verbunden mit der Frage nach dem Verhältnis von Fiktionalität und Faktizität. So steht es im Vorwort der Herausgeberinnen des Sammelbands Erinnern und Erzählen.

Lange Zeit mochte das als Beweis gelten, die Bürgerkriegsliteratur als literarisch irrelevant zu erachten. Manchem Leser mag die stark politisierte Literatur des Spanischen Bürgerkriegs aus heutiger Sicht nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Allerdings darf man die ästhetische Wirkung dieser Werke nicht unterschätzen. In den zwanziger und besonders in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Kunst bewusst als Mittel der Politik eingesetzt. ästhetischer Ausdruck und politischer Standpunkt waren kaum voneinander zu trennen. Zudem standen viele liberale und alle linken deutsche Schriftsteller nach 1933 vor der Wahl, entweder ins Exil zu gehen, im Lager zu enden oder den Kampf – sowohl mit der Feder, und nach 1936 auch mit der Waffe in der Hand – aufzunehmen. Spanien wurde für die europäischen Intellektuellen zur letzten Hoffnung, dem Faschismus die Stirn bieten zu können. Tatsächlich wurde in der täglichen politischen Auseinandersetzung zwischen Anspruch und Wirklichkeit ein wichtiger Ansatz zur Demokratisierung der Kunst geleistet. Man denke beispielsweise an die Politik der Volksfront. Bereits beim 1. Internationalen Schriftstellerkongress 1935 in Paris wurde die ästhetische Umsetzung dieser Idee eingefordert. Man kann daher von einer - zumindest auf europäischer Ebene – breiten Diskussion sprechen, die nach Ausbruch des Bürgerkriegs eine bis dahin nie gekannte praktische Solidarität auslöste. Vor diesem Hintergrund ist die Bürgerkriegsliteratur ein wichtiges Instrument zur Vergangenheitsaufarbeitung, gerade weil sie das Verhältnis von Fiktionalität und Faktizität in ihrem historischen Kontext sichtbar macht.

Individuelle Erinnerungen, die sich – auch bei Gustav Regler – nicht allein auf die Thematik des Bürgerkriegs beschränken, vermischen sich mit der kollektiven Erfahrung des Exils und der sich abzeichnenden politischen – und nur in letzter Konsequenz auch militärischen – Niederlage der europäischen Linken in Spanien. Auf diese Weise vermittelt der Autor ein umfassendes Bild sozialer und ideologischer Widersprüche. Der Roman, angesiedelt im Madrid des Jahres 1936 – anders als viele Werke der Bürgerkriegsliteratur – behandelt auch die spanische Realität jener Zeit. Spannend ist neben der Gegenüberstellung der beiden politischen Lager vor allem das reflektierende Erzählen, was den Roman bereits in die Nähe der Exilliteratur rückt.

Das Projekt Erinnern und Erzählen hat mich aus mehreren Gründen interessiert. Zum einen, weil es die Bürgerkriegsliteratur aus ihrem literaturhistorischen Schattendasein holt. Vor allem war mir aber die Auseinandersetzung vor dem Hintergrund der eben erst beginnenden Aufarbeitung der Franco-Diktatur innerhalb Spaniens wichtig. Die Frage nach Opfern und Tätern ist hier, beinahe 70 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs, noch immer nicht eindeutig beantwortet. Dass Literatur jahrzehntelanges Schweigen und festzementierte Bilder durchbrechen kann, hat sich an Javier Cercas Roman Soldaten von Salamis gezeigt. Von einer öffentlichen Anerkennung der Opfer des Franco-Regimes ist man in Spanien jedoch noch weit entfernt. Die Aushebung der Massengräber und Identifizierung ermordeter Zivilisten werden nach wie vor nicht vom Staat, sondern von Privatinitiativen getragen.

Dass ich ausgerechnet Gustav Reglers Roman gewählt habe, ist einem Zufall zu verdanken. Ich hatte das Buch schon einige Zeit vorher in der Bibliothek des Goethe-Instituts in Barcelona entdeckt, übrigens der einzige, dort erhältliche Bürgerkriegsroman von Zeitgenossen, wenn man von Peter Weiss’ 1. Band der ästhetik des Widerstands einmal absieht. Auch das ein Hinweis auf die fehlende Rezeption der deutschsprachigen Bürgerkriegsliteratur, sowohl im Original als auch in der spanischen übersetzung. Auf der Suche nach Sekundärliteratur wurde ich im Pabellón de la República in Barcelona fündig. Ich war überrascht von der großen Auswahl an Text und Bildmaterial, das dort öffentlich zugänglich ist. Im Zuge der Arbeit über Regler bin ich dann auch auf Texte anderer, meist vergessener deutschsprachiger Autoren gestoßen. Diese für mich unbekannten Texte verschiedenster Literaturgattungen brachten mich auf die Idee für ein anderes Projekt, die memorias solidarias, ein Versuch, den Begriff „Verteidigung der Kultur“ ästhetisch zu fassen. Diese Anthologie stellt 9 Schriftsteller in spanischer Erstübersetzung vor.

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