Barcelona, amor meu

Exposé

Bye, bye, Ronnie
(Hommage an Gaudí)

Barcelona Erotik

Das Fest der Mercè

Der alte Mann,
das Meer
und die Taube

Drachenblut

Pollo Rico

Emilio

Muttersprache

Große Ereignisse
werfen ihre Schatten
voraus

Barcelona, amor meu

Katalanisches

Historias cotidianas
en Castellano

Von der Lust, den Seifenblasen zu folgen

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Barcelona, amor meu (Auszug)

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Sie begegneten sich an einem Sommertag. Plötzlich standen sie nebeneinander in der Schlange vor der Ausländerbehörde und schauten sich einen Tick zu lange in die Augen. Und schon war es passiert. Das staunende Erkennen im Blick des anderen machte sie stumm. Es hatte ihnen die Sprache verschlagen. Dabei hatte Jelena als Teenager sogar einige Fremdwörter aufgeschnappt. Ihre Nachmittage hatte sie bei der Nachbarin, einer arbeitslosen Tänzerin verbracht, die allen Widrigkeiten zum Trotz plumpen Töchtern neureicher Eltern stundenweise Anmut und Grazie beizubringen versuchte, während sie, Jelena, sich auf dem Sessel geräkelt, den CD-Player bedient und gelangweilt in einer Modezeitschrift geblättert hatte. Bei der Erinnerung an diese Zeit hatte sie sofort wieder den melodischen Klang der Ballettsprache im Ohr. Doch solche Worte waren inzwischen nutzlos geworden, und Jelena dachte, dass sie eigentlich schon damals keinen Sinn für sie gemacht hatten. Auch Sharif stand der Situation hilflos gegenüber, obwohl er aus einem Land kam, in dem Mehrsprachigkeit an der Tagesordnung war. Zum ersten Mal in seinem Leben waren ihm die Worte ausgegangen. So begnügten sie sich vorerst damit, einander anzulächeln. Aber nach und nach wurden die Blicke länger und verloren ihre anfängliche Scheu. Eingehüllt in das Schweigen der Wartenden schauten sie sich in die Augen und erzählten sich auf diese Weise ihre Geschichte. Und als das nicht mehr ausreichte, nahmen sie ihre Hände zu Hilfe und zeichneten Grenzverläufe, Meerengen und auch sonst allerlei flüchtige Dinge in die Luft. Zahlen stellten dabei das geringste Problem dar. Sie wussten, wie man Entfernungen überwand, das war ihnen in den letzten Monaten in Fleisch und Blut übergegangen. Als die Ausländerbehörde ihre Pforten schloss, waren sie kaum einen Schritt vorangekommen. Doch ihre Herzen hatten einen weiten Weg zurückgelegt und ganze Kontinente überwunden. Langsam wurde es dunkel. Die beiden jungen Leute richteten sich darauf ein, die Nacht gemeinsam in der Gasse zu verbringen. Wohin hätten sie sonst auch gehen sollen? Geld für ein Hotel besaßen sie keines. Sie ließen sich auf den Steinplatten nieder, die nach wie vor die Wärme des Tages abstrahlten, und nur noch ganz schwach nach Urin rochen. Und als der orangefarbene Mond riesengroß am Himmel aufging, schien ihnen das wie ein Wunder, oder doch als ein Zeichen, dass eine höhere Macht über sie wachte, die sie beschützen und ihnen schon bald die richtigen Papiere beschaffen würde, die ihnen zu ihrem Glück noch fehlten. Alles schien ihnen möglich in dieser ersten sternlosen Nacht. Sie hielten sich an den Händen und fühlten sich eins mit dem Universum. Immer wieder flüsterten sie den Namen des anderen vor sich hin, und es klang wie eine Beschwörungsformel oder ein Gebet, so genau wussten sie das selbst nicht. Ihre Worte flogen in die Nacht und bis weit über das Meer hinaus, während ihre Körper, gegen den rauen Sandstein einer Hauswand gelehnt, schließlich erschöpft einschliefen.

Bei Sonnenaufgang wurden sie vom Gezwitscher der Vögel im nahe gelegenen Zoo geweckt. Sie öffneten vorsichtig die Augen und schauten sich ungläubig an. Nein, das war kein Traum. Lächelnd erhoben sie sich und klopften sich Staub und andere Spuren der Nacht von den Kleidern. Der Himmel über Barcelona war strahlend blau an jenem Morgen. Die Luft roch wie frisch gewaschen, beinahe, als hätte es über Nacht geregnet. Zudem lag ungewohnte Stille über der Stadt. Weit und breit kein Verkehrslärm, keine Spur der für diese Uhrzeit üblichen Betriebsamkeit, selbst die Presslufthammer schwiegen. Man hätte meinen können, die Bewohner seien über Nacht verschwunden, einfach so, ohne vorher Bescheid zu sagen.

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