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Barcelona Erotik (Auszug)Irgendwann in den 80er Jahren fuhr sie nach Barcelona. Später konnte sie sich nicht mehr an das genaue Datum erinnern, nur daran, dass es gerade Frühling geworden war. Auf die Frage nach dem Hintergrund ihrer Reise und warum sie sich ausgerechnet diese Stadt ausgesucht hatte, antwortete sie ausweichend. Vielleicht war es einer der Entschlüsse gewesen, die man an grauen Berliner Wintertagen fasst, wenn Nebel und Nieselregen sich bereits am Vormittag zu etwas vermischen, was in Konsistenz und Farbe einem Erbseneintopf nicht unähnlich ist. Wer hatte damals überhaupt schon von Barcelona gehört? Und selbst wenn, dann kam man höchstens auf der Durchreise nach woanders dort vorbei. Keiner war scharf darauf, sich dieser abgetakelten Hafenhure mit dem viel zu grell geschminkten Mund an den Hals zu werfen. Unter ihrem teilnahmslosen Blick stritten sich Zuhälter und Junkies bis zum Morgengrauen um ein paar Quadratmeter Revier. Messer wurden gezückt, und hin und wieder fiel auch ein Tropfen Blut auf das schmutzige Pflaster, aus dem selbst im Winter beißender Gestank aufstieg. Und am Ende rückte sie die mühsam verdienten Scheine, zwischen Brüsten und anderen, geheimeren Stellen des Körpers versteckt, doch immer wieder heraus, damit der Frieden wenigstens bis zum nächsten Abend hielt. Dank hatte sie trotzdem nicht zu erwarten. Keiner der Zuhälter schaute ihr nach, wenn sie erschöpft den Heimweg antrat. Ihre hochhackigen Absätzen klapperten über das Pflaster, immer musste sie ein paar Schritte mehr machen, um den vielen Abfalltüten auszuweichen, die sich an den Ecken stapelten. Wenn ihre Schritte verhallt waren, lag eine trügerische Stille über den Häusern, die erst im Morgengrauen vom Lärm der Müllabfuhr unterbrochen wurde. Bis zum Nachmittag ließ sie sich nicht mehr draußen blicken, doch die Erinnerung an ihre Anwesenheit hing in der Luft, genauso wie ihr billiges Parfüm, das sie hinter sich herzog wie der Pfau seinen gefächerten Schwanz. Dabei glich sie eher einem gerupften Vogel mit ihren dünnen Beinen. über dem fetten Hintern spannte ein viel zu kurzer Rock, und zwei faltig gewordene Titten entquollen dem Ausschnitt. Trotzdem viel zu gut für die Kunden, die sich überhaupt noch in dieses Viertel verirrten, ein Viertel übrigens, vor dem in den Reiseführern auch damals schon eindringlich gewarnt wurde. An zwei, drei Hauswänden zeichneten sich ihre Konturen ab, so viele Nächte hatte sie hier gestanden. Wenn einer freigiebig war, sogar mit einem Cuba-Libre in der Hand. Doch das geschah sehr selten, und höchstens im Sommer. Ihre Umgebung hatte sich kaum verändert in all den Jahren, die sie auf der Straße verbracht hatte. Nur die Risse in der Mauer waren etwas tiefer geworden und der Putz bröckelte immer schneller von den Wänden. Trotzdem fuhr sie also nach Barcelona. Erst auf mehrmalige Nachfrage hin erinnerte sich sie daran, dass sie sofort von dieser abgefuckten Seite der Stadt begeistert gewesen sei, die sie viel mehr anzogen hätte als die Arroganz ihrer wohlsituierten französischen oder eleganten italienischen Schwestern. Erst einmal Barcelona, dann sehen wir weiter, hatte sie sich gesagt, und kam sich beinahe vor wie eine Abenteurerin. Natürlich wusste sie, was hier abging, oder sie bildete es sich zumindest ein. Woher sie die Bilder hatte, war hinterher nicht mehr eindeutig zu klären. Irgendwie schien das mit diesem Typ zusammenzuhängen, dem sie auf einer Party begegnet war. Da hörte sie zum ersten Mal von Barcelona und vom verrufenen chinesischen Viertel. Natürlich hatte er seine Geschichte gehörig ausgeschmückt, doch sie hatte seine Angebereien ernst genommen und die Bilder hatten sie von da an nicht mehr losgelassen. |
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