Barcelona, amor meu

Exposé

Bye, bye, Ronnie
(Hommage an Gaudí)

Barcelona Erotik

Das Fest der Mercè

Der alte Mann,
das Meer
und die Taube

Drachenblut

Pollo Rico

Emilio

Muttersprache

Große Ereignisse
werfen ihre Schatten
voraus

Barcelona, amor meu

Katalanisches

Historias cotidianas
en Castellano

Von der Lust, den Seifenblasen zu folgen

Home

Das Fest der Mercè (Auszug)

I.

Der Montjuic hüllt sich in Nebel. Unten in den alten Gassen staut sich schwüle Luft. Zaghaft sammeln sich erste Wolken hinter dem Tibidabo. Später wird Wind aufkommen und sie aufs Meer hinaus treiben. Wieder ein Tag ohne Gewitter, denke ich und setze mich auf die ausgetretenen Stufen der Basilika. So früh am Morgen sind nur wenige Fußgänger unterwegs. Ein Mann spricht in die Luft. Das sieht vielversprechend aus. Doch dann bemerkte ich das dünne Kabel, das in der Brusttasche seines grauen Jacketts verschwindet. Eine Frau läuft schlaftrunken an mir vorüber. Ich frage mich, ob sie sich auch nach einem reinigenden Regenguss sehnt. Das Klappern ihrer Absätze verliert sich in einer Seitengasse. Ein Automotor wird gestartet, ein Moped biegt um die Ecke, und dann ist es plötzlich wieder still. Einige Zeit später kommt eine Gruppe Männer in roten Overalls die Straße herunter. Schweigend gehen sie auf einen der beiden Anhänger zu, die seit gestern auf dem Gehweg geparkt sind. Der schmächtige Mann vom Wachschutz grüßt die Arbeiter wortlos mit einer knappen, beinahe militärischen Geste und geht dann in entgegengesetzter Richtung davon. Seine dunkelbraune Uniform hebt sich kaum von den Hauswänden ab. Die Männer in den roten Overalls schauen ihm hinterher. Nach einer Weile werfen sie die Zigarettenkippen auf die Erde. Langsam, beinahe zögernd gehen sie auf den Wagen zu. Dann schlagen sie die graue Plastikplane wie auf Kommando zurück und lösen die Verriegelung der Seitenklappen. Einer der Arbeiter nimmt Anlauf und springt auf die Ladefläche. In diesem Augenblick schlägt eine Kirchenglocke. Unwillkürlich zähle ich mit. Bei neun verstummt das Glockengeläut. Nur das metallische Klirren der Gerüststangen, die vom Wagen auf das Pflaster geworfen werden, bleibt zwischen den Mauern hängen. Als die Turmglocke das nächste Mal zur vollen Stunde schlägt, ist der Anhänger bereits zur Hälfte entladen. Die Männer stehen um die Metallstangen herum und ziehen Zigarettenschachteln aus den Hosentaschen, Feuerzeuge blitzen auf.

Plötzlich weiß ich, warum sie hier sind. Ich habe die Plakate gesehen. Morgen beginnt das Fest der Mercè. Die meisten Leute wissen nichts mit dem Namen anzufangen. Sie freuen sich nur über den zusätzlichen freien Tag. Ich könnte ihnen sagen, was es mit dem Fest und dem Namen auf sich hat. Aber niemand fragt mich danach. Eine Frau unbestimmbaren Alter, eine Vagabundin, die ihre Nächte in den Eingängen der Sparkassen verbringt, mehr sehen sie nicht in mir. Wenn ich am Brunnen sitze, wirft man mir Münzen vor die Füße. Dabei habe ich gar keine Almosen nötig. Ich würde lieber zu ihnen sprechen. Doch sobald ich den Mund öffne, erschrecken sie. Nur deshalb sitze ich sprachlos auf Treppen und Bänken herum. Wenn sich unsere Blicke einmal kreuzen, schauen sie schnell weg. Ich bin ihnen peinlich. Meine Sprachlosigkeit macht ihnen Angst. Mein Anblick verdirbt ihnen den Tag. Sie laufen mit zusammengekniffenen Lippen an mir vorüber, als würde ich an einer ansteckenden Krankheit leiden. Ich spüre genau, wie sie den Atem anhalten und ihre Schritte beschleunigen. Dabei habe ich eine Menge zu erzählen. Es sind ihre feindseligen Blicke, die mich zum Schweigen verurteilen.

Ich habe so lange geschwiegen, dass ich beinahe keine Worte mehr habe. Aber ich darf nicht verstummen. Nur das, was mir auch über die Lippen kommt, ist einigermaßen sicher vor dem Vergessen. Worte sind Gefäße, in denen sich Erinnerungen sammeln wie Regenwasser in einem Becken. Das ist die einzige Gewissheit, die ich noch habe. Es ist meine Aufgabe, die Erinnerungen zu schützen. Das ist keine einfache Aufgabe. Mehr als einmal habe ich versagt. Viel zu oft bin ich stumm geblieben, anstatt meine Stimme zu erheben. Immer wieder habe ich den geeigneten Augenblick verpasst, mein Anliegen zur Sprache zu bringen. Viele Ereignisse sind bereits aus der Erinnerung gefallen, und das ist einzig und allein meine Schuld. Ich darf nicht länger warten. Kaum einer der Lebenden hat je meine Stimme je gehört. Und auch wenn ich noch viele Leben vor mir habe, so bin ich doch nicht ganz und gar unsterblich. Meine Erinnerungsfähigkeit ist jedenfalls begrenzt, wie sich gezeigt hat. Jede Geschichte ist wie ein Fluss, der breit und flach wird, sobald das Delta erreicht ist. Mit jedem verlorenen Wort gewinnt das Vergessen an Terrain, die Mündung versandet, und das Wasser versickert ins Ungewisse. Die Flüsse trocknen aus und das Meer drängt sich immer weiter ins Landesinnere vor. Ach, das Meer! So viele Narben hat es auf meiner Seele hinterlassen. Immer wieder hat es mich an einen anderen Strand geworfen. Meine Haut ist mürbe und von Rissen übersät wie die eines alten Fisches. Ich trage das Rauschen des Meeres mit mir herum, eine Muschel, die sich an einem Felsen festklammert, die Brandung als einzigen Begleiter stürmischer Nächte. Aber das Meer ist mir fremd geworden. Die Zeiten der Vertrautheit zwischen uns sind lange vorbei. Meine Erinnerungen gleichen eher einem leckgeschlagenen Schiff, das willenlos auf den Wellen treibt. Trotzdem liebe ich das Meer beinahe noch mehr als die Menschen. So viele Geschichten, die mit dem Meer ihren Anfang nehmen und am Ende dorthin zurückkehren. Das Meer ist der einzige Ort, der genau zwischen Himmel und Erde liegt. Und dann ist da dieser unvergleichliche Geruch nach Salzwasser. Nicht einmal in dieser Stadt würden sie es wagen, die Existenz des Meeres zu leugnen. Ja, das Meer ist ein guter Anfang für meine Geschichte. Die Leute mögen Erzählungen, in denen das Wasser eine Rolle spielt. Diesmal werde ich mich nicht von ihren Blicken zum Schweigen bringen lassen. Ich bin mir bewusst, dass meine Stimme schwach und meine Worte ungenau geworden sind. Ich bin müde und sehne mich nach Ruhe. Am Ende wird mir nichts anderes bleiben, als das Schiff zu besteigen und diesen Ort zu verlassen. Immer fing alles damit an, dass ich über das Meer gekommen bin. Viele Male habe ich im Lauf der Zeit am Hafen gestanden, und in den ersten Minuten hat der Boden unter mir immer leicht geschwankt.

Zurück | Home