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Barcelona ist nicht MadridHauptstadt hin oder her. Barcelona besitzt Madrid gegenüber einen ganz entscheidenden Vorteil. Es liegt am Meer. Während sich die Madrilenen ihr Leben lang zu nachtschlafender Zeit auf der Autobahn in Richtung Levante abquälen, um der stickigen Stadt wenigstens für ein paar Stunden zu entkommen, stehen die Barcelonesen Sonntags erst um die Mittagszeit im Stau. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Madrilenen neidisch sind und den Barcelonesen weder den Tabellensieg in der Fußballiga noch die Autonomie gönnen. Die katalanische Sprache finden sie albern und provinziell, und die Katalanen im besten Fall putzig, so wie man seltene Tiere im Zoo nett findet. Sie mögen es zwar, wenn sie ans Gitter kommen und um Erdnüsse betteln, aber gleichzeitig fürchten sie sich davor, für ihre Gutmütigkeit hinterher mit Nussschalen beworfen zu werden. Die Madrilenen verstehen auch nicht, warum man in Barcelona an jeder Kreuzung auf vier Supermärkte und drei Apotheken stößt, aber kaum einmal ein Theater findet. Und wenn sie in eine Bar gehen und sich ein Bier bestellen, dann liegt auf dem Tellerchen dazu anstelle der Tapa nur ein kleines, weißes Zettelchen mit einer exorbitant hohen Zahl darauf. Und überall diese Radwege! So etwas wäre in Madrid ganz unvorstellbar. Trotzdem kommen sie gerne nach Barcelona und drehen eine Runde im Ciutat Vella-Park, wenn sie das gotische Viertel und das Picasso-Museum durch haben. Insgeheim zählen sie Bäume und Grasbüschel und ihr Gesichtsausdruck wird geradezu hämisch dabei. Ja, den Retiro macht ihnen eben keiner nach, vom Prado mal ganz zu schweigen. Eigentlich könnte alles in Ordnung sein. Wenn da nur das Meer nicht wäre. Sie sind also die Nacht über durchgefahren und haben ihr Auto in einer Tiefgarage verstaut. Gerade kommen unsere Besucher am Yachthafen vorbei und schlendern mit schnuppernden Nasen an den Fischrestaurants entlang, die an der Barceloneta aufgereiht liegen wie die Perlen auf Königin Sofias Kronjuwelen. Der Himmel lockt tiefblau, schon meint man, den salzigen Geschmack des Meeres auf den Lippen zu haben. Und dann stehen die Besucher auf der Strandpromenade, die sich heute wieder einmal von ihrer besten Seite zeigt. Der Müll und die Schnapsleichen der letzten Nacht sind längst beseitigt. Langsam plätschern die Wellen landeinwärts, als seien auch sie ganz plötzlich von dieser trägen Sonntagsstimmung erfasst. Junge, unwiderstehliche Körper räkeln sich auf flauschigen Frotteetüchern, erste Badende strampeln prustend im Wasser und im Café liest jemand die Sonntagsausgabe von „El País“. Und das Meer ist blau, so tiefblau, wie man es in Madrid eben nur aus Prospekten kennt. Dieses Blau machen sie hier auch für uns, kommt es den Madrilenen auf einmal in den Sinn und einen Augenblick lang sind sie richtig gerührt. Ihre übernächtigten Augen wandern zum Horizont, der sich beinahe endlos vor ihnen ausbreitet. Kein Kran, kein Gebäudekomplex in Sicht. Neid und Missgunst scheinen sich mit einem Mal und auf wundersame Weise in Luft aufzulösen. Friede breitet sich in unseren Madrilenen aus, und beinahe könnten sie sich vorstellen, für immer hier zu bleiben. Doch da ist es auf einmal vorbei mit der schönen Stimmung. Der Blick, der eben noch ungehindert in die Ferne schweifte, wird geradezu abgeschmettert von einer Reihe Betonklötzen, die sich vor ihnen auftürmen. Man könnte glauben, eine wütende Gottheit habe sie dort hingeworfen, um Barcelona für seine Unbotmäßigkeit zu bestrafen. Damit haben wir aber nichts zu tun, das ist nicht unsere Schuld, dass die Küste so verschandelt wird, versichern sie sich gegenseitig. Das ist die katalanische Habgier, sagt einer und hält sich erschrocken den Mund zu. Dann schauen sich vorsichtig nach allen Seiten um, bevor sie beschließen, so zu tun, als hätten sie nichts bemerkt. So war das doch alles gar nicht gemeint, murmeln sie beschämt, ziehen ihre Schuhe aus und laufen durch den Sand bis nach vorn zum Wasser. Später im Restaurant geben sie ein dickes Trinkgeld und niemand käme auf die Idee, dass sie aus Madrid kommen. |
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