Barcelona, amor meu

Katalanisches

Auf der Suche nach den Katalanen

1. Teil

2. Teil

3. Teil

4. Teil

Barcelona ist nicht Madrid

Das Tomatenbrot

Vorübergehend

Historias cotidianas
en Castellano

Von der Lust, den Seifenblasen zu folgen

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Auf der Suche nach den Katalanen 1. Teil

Sofort nach der Ankunft in Barcelona machte ich mich auf die Suche. Diesmal wollte ich den Bewohnern dieser Stadt auf die Spur kommen. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, ohne Reiseführer und Kneipentips auszukommen.

Mit dem Flughafenbus fuhr ich zur Plaça Catalunya. Natürlich war ich nicht zum ersten Mal in der Stadt. Nur Katalanen hatte ich auf meinen Kurztrips bisher nicht kennen gelernt. Aber das würde sich jetzt ändern. Wozu hatte ich den Katalanischkurs im Internet absolviert? Meines unschlagbaren Vorteils bewusst, drängte ich mich an den Touristen vorbei, die mit Stadtplänen und breitkrempigen, bunten Mexikanerhüten ausgestattet vor dem Corte Inglés-Kaufhaus ihre sonnenverbrannten Beine in Erwartung eines Sitzplatzes auf dem Oberdeck des Sightseeing-Busses in den Bauch standen. Sie taten mir ein bisschen leid. Wahrscheinlich würden sie niemals einen echten Katalanen von einem gewöhnlichen Spanier unterscheiden können. Ich lief in Richtung Rambla. Dort, im Herzen der Stadt würde sich bestimmt eine Gelegenheit finden, erste Kontakte zu knüpfen. Erwartungsvoll betrat ich eine Eisdiele. Ein Schokoladeneis, sagte ich laut und deutlich auf Katalanisch, sobald ich an die Reihe kam. Ich freute mich, diesen doch einigermaßen langen und schwierigen Satz aus der 3. Lektion anwenden zu können. Onlinekurse sind an und für sich eine lohnende Investition. Die Eisverkäuferin hinter der Theke machte jedoch keine Anstalten, Schokoladeneis in die Waffel zu löffeln, sondern schaute mich fragend an. Irgend etwas stimmte hier nicht. Nur wusste ich nicht, was. Ich wurde rot und traute mich nicht, den Satz noch einmal zu wiederholen. Entschlossen tippte ich mit dem Finger an die Theke, hinter der das Schokoeis verführerisch sahnig und schokoladenbraun glänzte. One bola, two Euro, sagte die Frau und hob Zeigefinger und Daumen in die Höhe. Hinter mir klingelte ein Handy und jemand sagte, jo mei, i bin grad in Barcelona akumma. Ich legte schnell das Geld auf die Theke, schnappte mein Eis und lief auf die Straße. Im nächsten Augenblick knallte ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Vor Schreck ließ ich das Eis fallen. Ich war gegen ein gelbes Schild gelaufen, auf dem groß und deutlich Vorsicht, Bauarbeiten! stand. Immerhin, soviel konnte ich erkennen, auf Katalanisch. Kein Wunder, schließlich ist Katalanisch offizielle Amtssprache in Katalonien (Lektion 6, Soziolinguistik). Und wo es Schilder in der Landessprache gibt, muss es auch Menschen geben, die diese Sprache lesen und sprechen. Ohne Eis, aber mit einer Beule und um eine wichtige Erkenntnis reicher, schlenderte ich die Rambla runter. Im Schatten der Platanen gab es allerhand zu sehen. Bronzefarbene Römer, die in der Mittagshitze ergeben vor sich hinschwitzten, eine auffällig geschminkte, als Flamencotänzerin verkleidete Sängerin, die zur Melodie, die aus einem Kofferradio gellte, inbrünstig den alten Julio Iglesias-Song, bésame, bésame mucho, sang. Ein Glatzkopf mit Leierkasten, unter dem ein dressiertes äffchen und zwei ermattete Hunde lagen. Das alles machte nicht gerade einen katalanischen Eindruck, soviel war mir klar. Ich beschloss, erst mal etwas zu essen. In den Snack-Bars musste es ja irgend etwas landestypisches geben. Pita-Inn, Pastafiori, Dunkin Donut, McDonald, Kentucky fried chicken, Shawarma, Döner, las ich auf den Schildern. Ich bekam langsam Panik. Da erblickte ich eine Baguetina Catalana. Endlich etwas Katalanisches! Belegte Brote und Cocafladen lagen ausgebreitet auf dem Tresen, über dem ein paar Fliegen und eine Wespe kreisten. Das war zwar nicht gerade das, was ich erwartet hatte, aber ein Käsesandwich kann nicht schaden, dachte ich. Der olivhäutige Mensch mit der blau-weiß gestreiften Schürze und dem feschen Hütchen hinter der Theke strahlte mich an. Sollte das der langerhoffte erste Katalane in meinem Leben sein? Ein Käsebrötchen bitte, sagte ich schüchtern. Der Mann nickte freundlich und nahm etwas, das wie ein Schinkensandwich aussah vom Tisch, packte es mitsamt einer Serviette in eine Tüte und zeigte aufmunternd auf den Kühlschrank. Coca Cola, Fanta, Sprite? Ich drehte mich um und lief auf die Straße. Das war einfach zu viel. War mein Katalanisch so schlecht oder gab es hier etwas gar keine Katalanen? Waren sie alle ausgewandert? Hatte ich mich in der Stadt geirrt? Ich beschloss, erst mal ins Hotel zu fahren und meine Strategie zu überdenken.

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Auf der Suche nach den Katalanen 2. Teil

Inzwischen bin ich bereits seit zwei Wochen in der Stadt. Mit Antoni Gaudí, Ramon Casas und Pau Casals hatte ich bereits das Vergnügen. Aber noch immer habe ich keinem leibhaftigen, zeitgenössischen Katalanen aus der Nähe untersuchen können. Ich lasse mich aber nicht entmutigen. Das ist hier beinahe so wie früher in Berlin, da war es auch etwas besonderes, einen echten Berliner zu kennen und manchmal musste sogar ein Taxifahrer oder der Vermieter herhalten, um zu punkten.

In Barcelona sind die Taxifahrer übrigens mit Sicherheit keine Katalanen, sondern Andalusier, das habe ich ziemlich schnell festgestellt. Bei den Vermietern sieht es schon anders aus. Aber die sind misstrauisch wie sonst was und machen sich rar. Wir bleiben in Verbindung, sagen sie. Mit etwas Glück geben sie einem sogar ihre Handy-Nummer, sind dann aber nie zu erreichen.

Woran erkennt man überhaupt einen echten Katalanen? Diese Frage habe ich mir in den letzten Tagen öfter gestellt. Wie schnell lässt man sich vom ersten Eindruck täuschen und im Nu hat man es mit einem Engländer zu tun. Bierkneipen im Zentrum und in der Barceloneta sind übrigens in britischer Hand, überall findet man irische und schottische Pubs, was ja auf seine Art auch wieder eine Ironie des Schicksals ist. Das gotische Viertel hat man teilweise den Basken überlassen. Sie wissen schon, das sind diese Kneipen mit den langen Tresen, wo man sich unaufhörlich lecker belegte Kanapees in den Mund stopfen muss. Abgerechnet wird nach Zahnstochern, und wenn man’s drauf hat, lässt man unauffällig ein paar davon unter dem Barhocker verschwinden, bevor die Rechnung kommt. In meiner Verzweiflung habe ich sogar die Souvenirläden auf der Rambla abgeklappert. Zu meinem Erstaunen werden sie von charmanten und gutaussehenden Indern betrieben, ist das nicht Globalisierung pur? Aber wo sind die Katalanen? Verstecken sie sich in ihren Wohnungen? Möglich ist das schon. Aber man kann ja schließlich nicht einfach irgendwo klingeln. Hallo, sind Sie Katalane? Ich möchte gerne Sie gerne kennen lernen. Abgesehen davon gibt es hier keine Namenschilder an den Türen, woher soll man also wissen, ob das die Wohnung eines Katalanen ist oder ob hier nur ein Deutscher zur Miete wohnt.

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Auf der Suche nach den Katalanen 3. Teil

Katalanen aufzuspüren ist nicht gerade die einfachste Sache der Welt. Aber nach der dritten Woche hatte ich eine Eingebung. Am Sonntagmorgen schlenderte ich so vor mich hin, auf der Suche nach einem Café, in dem ich die Zeitung lesen könnte. Da sah ich sie. Ich wusste sofort, dass meine Suche endlich von Erfolg gekrönt war.

Auf dem Platz vor der Kathedrale hielten sie sich an den Händen und tanzen Sardana. Dieser traditionelle Kreistanz verbindet alt und jung, Anfänger und Fortgeschrittene. Natürlich hätte ich das alles in einem Reiseführer nachlesen können. Aber ich wollte dem katalanischen Wesen ganz von allein auf die Spur kommen. Und nun war es mir endlich geglückt. Ich schaute dabei zu, wie sie stundenlang und unermüdlich Arm in Arm zu dieser blechernen, leicht quäkenden Musik bald vorwärts hüpften, mal gemessen seitwärts schritten und dachte an mittelalterliche Hofzeremonien. Unauffällig mischte ich mich unter die Zuschauer, eine Fremde unter Fremden, allerdings ohne Fotoapparat. Die Tänzer hatten den Kreis um Taschen und Jacken geschlossen. Auf diese Art und Weise haben sie ihre Nachbarn unter Kontrolle und beugen Taschendiebstählen vor, dachte ich sofort und machte mir gleich ein paar Notizen. Es sind ja nur 6 Millionen, ein kleines Volk, von Eindringlingen umgeben, die nur darauf warten, einem das Fell über die Ohren zu ziehen. Da muss man zusammenhalten, da kann man sich nicht so einfach jedem hergelaufenen Fremden öffnen. Es reicht schon, dass man ihre Anwesenheit ertragen muss. An jenem Sonntag schwebte ich über den Dingen. Nun hatte ich endlich einen Anhaltspunkt. Aber wie kommt man mit ihnen ins Gespräch?

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Auf der Suche nach den Katalanen 4. Teil

Ich habe meinen Radius ausgedehnt. In letzter Zeit war ich ein paar Mal in Gracia. Dort trifft man relativ häufig auf Katalanen, habe ich festgestellt, auch wenn man auf den ersten Blick denken könnte, man wäre in Berlin Mitte oder Prenzlauer Berg. Junge Paare, die dreirädrige, vorzugsweise orangefarbene oder rote Kinderwagen vor sich herschieben, lächeln die einem im Vorbeilgehen mitleidig zu, vielleicht weil man so einsam und kinderlos aussieht. überhaupt habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Katalanen nicht gerne alleine sind. Wenn sie nicht paarweise unterwegs sind, dann treten sie in Gruppen auf. In beiden Fällen kann man höchstens mal nach der Uhrzeit fragen, mehr ist nicht drin. Ob das ein angeborenes Misstrauen ist? Die Alten, die auf den Bänken der Plaça del Diamant sitzen und Tauben füttern, sprechen grundsätzlich nicht mit Fremden, oder vielleicht sind sie einfach nur schwerhörig. Aber am Samstag hatte ich ein schönes Erlebnis. Vormittags wanderte ich ein bisschen deprimiert durch die Straßen. Ich dachte ernsthaft darüber nach, meine Suche aufzugeben. Aber dann wandelte sich plötzlich alles zum Guten. Ich bekam auf Anhieb einen freien Tisch in der Virreina-Bar. Ein Politiker der Grünen schlenderte lächelnd an seinem eigenen Wahlplakat vorbei und hob kurz die Hand, als wolle er sich selbst begrüßen. Im Verdi-Kino war der neue Chabrol angelaufen, las ich in der Zeitung und am Tisch nebenan drehte sich eine Frau mit Dreadlocks einen Joint. Weißt Du, wie spät es ist, fragte sie mich ganz unvermittelt auf Katalanisch und beugt sich zu mir rüber, und ich wurde rot und zeigte ihr mein uhrloses Handgelenk. Mein Herz klopfte wie wild und auf einmal wünschte ich mir, dass dieser Augenblick ewig dauern und dass Sie mir einen Zug von ihrer Tüte anbieten würde. Es war das erste Mal, dass mich jemand auf Katalanisch ansprach, aber das fiel mir komischerweise erst später auf, als ich schon ein bisschen schwebte. Und wenn sie auch eine Ausländerin ist, schoss es mir da durch den Kopf. Aber dann verdrängte ich diesen Gedanken wieder und bestellte mir noch einen Kaffee.

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