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Das Tomatenbrot

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Das Tomatenbrot

Das Beste an der katalanischen Küche, Ferran Adrià hin oder her, ist und bleibt das berühmte pa amb tomaquet. Man reibt einfach eine halbierte Tomate aufs Baguette, gibt ein Paar Tropfen Olivenöl darüber, eine Prise Salz dazu, und fertig ist das feinste Tomatenbrot. Die einfachste Sache der Welt, könnte man meinen. Trotzdem ging an diesem einfachen Gericht eine große Liebe kaputt.

Pa amb tomaquet ist dem Katalanen eben heilig, beinahe so heilig wie San Jordi, der den Drachen besiegte. Glauben Sie mir etwa nicht? Dann muss ich Ihnen gleich die Geschichte von Jordi, Roswitha und dem Tomatenbrot erzählen.

Jordi lernte Roswitha ganz zufällig an einem Eisstand in Lloret de Mar kennen. Auf der Stelle verliebte er sich unsterblich in die dralle Deutsche, die so recht nach seinem Geschmack war. Jordi hält nämlich nichts von dünnen Frauen, hat er mir gleich zu Anfang verraten und damit meine Hoffnungen in diese Richtung zunichte gemacht. Jordi war also bis über beide Ohren verliebt, wenn auch leider nicht in mich. Fortan machte er sich nach der Arbeit auf den Weg an die Costa Brava, zu Roswitha. Sie saßen in den Straßencafés und schauten sich tief in die Augen, liefen Hand in Hand im Mondschein am Strand von Lloret spazieren, oder lagen einfach nur still nebeneinander in Roswithas schmalem Hotelbett. Nach zwei Wochen waren Roswithas Ferien zu Ende und er brachte sie nach Girona zum Flughafen. Ihr Ryan-air-Flug ging schon um 5 Uhr in der Früh. Aber das machte nichts, Jordi hatte in dieser letzten gemeinsamen Nacht sowieso nicht schlafen können.

Als ich ihn abends in unserer Dorfkneipe traf, machte er einen niedergeschlagenen Eindruck und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Keine Spüche, keine Scherze, Jordi war nicht wiederzuerkennen. Lustlos stocherte er in den Oliven, das pa amb tomaquet rührte er gar nicht erst an, und das Weinglas schob er mit einer derart fahrigen Geste zur Seite, dass es umfiel. Der Rotwein tropfte vom Tresen und bildete eine kleine, traurige Lache unter dem Barhocker. Keine Frage, Jordi hatte Liebeskummer, das sah man sofort. Fahr doch zu ihr, schlug ich ihm vor. Da hob er den Kopf und lächelte mich dankbar an. Meinst du? fragte er. Am Tonfall erkannte ich, dass er gerade eine Entscheidung getroffen hatte. Er kramte einen Zettel aus der Hosentasche und glättete ihn vorsichtig auf seinem Oberschenkel. Ich buche dir einen Flug, sagte ich weil ich weiß, dass Jordi sich mit solchen Dingen schwer tut. Aber du musst mich zur Hochzeit einladen. Jordi nickte. Irgendwie stimmte es mich traurig, Jordi für immer zu verlieren. Andererseits gönnte ich ihm sein Glück. Die ersten Tage ohne ihn waren schwer, aber dann gewöhnte ich mich an seine Abwesenheit. Um so erstaunter war ich, als ich ihn nach einer Woche wieder am Tresen unserer Dorfkneipe sitzen sah. Schöne Scheiße, begrüßte er mich, steckte sich ein Stück pa amb tomaquet in den Mund und goss ein Glas Wein hinterher. Da erst sah ich, dass vor ihm auf dem Tresen ein ganzer Berg mit Brot aufgetürmt war, daneben standen Schälchen mit verschiedenen Sorten Oliven, eine Käseplatte und ein Wurstteller. Jordi rief den Wirt, der auch Jordi heißt, herbei und bestellte eine neue Flasche Wein und ein Glas für mich. Was ist denn passiert? fragte ich Jordi, schenkte mir Wein ein und nahm ein Stück Käse. Irgend etwas an ihm gefiel mir nicht, er hatte einen irren Blick, den ich vorher noch nie an ihm bemerkt hatte. Trotzdem freute ich mich, ihn zu sehen. Kein pa amb tomaquet, sagte er atemlos zwischen zwei Bissen, kein Land für mich. Zuerst verstand ich den Zusammenhang nicht. Erst nach und nach bekam ich heraus, dass auch die Geschichte mit Roswitha schief gelaufen war. Wegen der Sprache? fragte ich ihn, weil es mir das naheliegendste schien. Jordi sprach ausschließlich Katalanisch, selbst das Spanische kam ihm nur schwer über die Lippen, und an andere Fremdsprachen war überhaupt nicht zu denken. Jordi schob sich nachdenklich Brot und Käse in den Mund und nach einer Weile schüttelte er den Kopf. Nein, sagte er und kaute etwas langsamer und pulte einen Wurstrest zwischen den Zähnen hervor. Was dann? fragte ich ungeduldig. Nein, sagte er zusammenhangslos und griff wieder nach dem Weinglas. Es hatte nicht an ihm oder an Roswitha gelegen, in die er nach wie vor verliebt war, wie er immer wieder versicherte, sondern daran, dass es in Deutschland kein pa amb tomaquet gab. Ich schaute ihn ungläubig an. Er nickte und ich sah, dass es ihm ernst war. Nach einer Woche ohne die gewohnte Küche hatte er es nicht mehr ausgehalten und sich in einem Restaurant Brot mit Tomate bestellt. Voller Vorfreude hatte er da gesessen, in Erwartung der lang entbehrten Speise. Nach einer Weile hatte man ihm einen Teller serviert, auf dem zwei längliche, hellbraune Scheiben Brot lagen, dick mit Butter bestrichen und mit Tomatenscheiben belegt. Zuoberst thronte ein Sträußchen Petersilie, das intensiv nach Kunstdünger gerochen hatte, jedenfalls behauptete er das, obwohl ich an dieser Stelle der Erzählung protestierte. In Deutschland riecht das Essen nicht nach Kunstdünger, sagte ich. Aber Jordi ging nicht weiter auf mich ein. Er musste seine Geschichte loswerden und ich ließ das mit dem Kunstdünger erst mal so stehen. Während er also noch ungläubig auf den Teller starrte, kam die Kellnerin mit einem Salz und Pfefferstreuer zurück und stellte beides vor ihnen auf den Tisch. Roswitha lächelte ihm aufmunternd zu, schnitt ein großes Stück von ihrem Tomatenbrot ab und steckte es sich in den Mund. In diesem Augenblick erkannte Jordi, dass sie keine Zukunft hatten, dass sie Welten trennten. Ich konnte dort nicht länger bleiben, sagte er. Das verstehst du doch? Ich zögerte einen Augenblick, aber dann nickte ich und trank den Wein aus. Jordi schob den Teller mit dem Brot in meine Richtung. Ich nahm mir eine Scheibe und biss hinein. Sie schmeckte köstlich. Jordi betrachtete mich wohlwollend und sagte, siehst du, und schenkte mein Glas noch einmal voll. Nachdem wir alles aufgegessen hatten, spielten wir eine Runde Billard.

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