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Der alte Mann, das Meer und die Taube (Auszug)

Zwischen Barceloneta und Strand, genau an der Stelle, wo die hölzernen Planken der Strandpromenade zu Ende sind und das Pflaster grau und fleckig wird, liegt ein schmaler Streifen Niemandsland. Ein seltsamer Ort, keine Bar, dafür drei kümmerliche Bäumchen und ein paar Bänke. Hier treffen sich die Jugendlichen, bevor es mit dem Moped durchs nächtliche barrio geht. Vormittags belegen die Alten die Bänke. Nicht, um sich darauf auszuruhen, sondern um sich den Sand von den Füßen zu wischen. Im Niemandsland werden Hunde von der Leine gelassen und pinkeln gegen Bäume und Bänke, weil Hunde nun mal so sind. Dieser Platz ist so etwas wie Hinterhof der Barceloneta. Hier sind die strengen Gesetze des Stadtteils außer Kraft gesetzt.

Im Herbst, wenn die Sonne schräg steht und das Meer und den Himmel schon am frühen Nachmittag tiefblau färbt, wird es Zeit für mich, hierher zurückzukehren. Sobald ich die engen Straßen mit den handtuchbreiten Häusern hinter mir gelassen und das Meer vor Augen habe, atme ich auf.

Dann schaue ich eine Zeitlang aufs Wasser hinaus und freue mich mit den fliegenden Händlern, wenn es ihnen gelingt, ein Paar Ohrringe oder auch nur eine Büchse Cola oder eine Tüte Chips an die Touristen zu verkaufen, die sich am Strand aalen. Aber deswegen bin ich nicht hier. Ich warte auf den Taubenmann. Jedes Jahr befürchte ich, dass er den Sommer diesmal nicht überlebt haben könnte. Doch dann ist er auf einmal wieder da und meine Angst ist wie weggeblasen. Ich habe nie herausfinden können, aus welcher Richtung er kommt. Das Niemandsland ist trotz allem ein unübersichtlicher Ort, und immer wieder habe ich den Augenblick verpasst, in dem er die Bühne betrat. Der alte Mann steht dann einen Moment völlig bewegungslos da und schaut aufs Meer hinaus. Er hat dann etwas von einem Schauspieler, der sein Publikum in Augenschein nimmt, sobald sich der Vorhang gehoben hat. Es scheint, als ob er sich mit einer leicht angedeuteten, ruckartigen Bewegung des Oberkörpers gegen das Blaue verbeugen würde. Ich habe mich oft gefragt, was ihn wohl zu dieser feierlichen Geste bewegt. Vielleicht ist er früher einmal Seemann gewesen und erweist dem Meer aus alter Gewohnheit seine Reverenz. Ich sehe ihn dann auf der Kommandobrücke eines Schiffes stehen und Anweisungen geben, ich sehe die Hafenausfahrt und die Gischt auf den Wellen, die hinter dem Schiff zusammen schlagen. Doch sobald er sich umdreht, bleibt nichts davon übrig. Da steht nur ein alter Mann in einem zu groß gewordenen Anzug, der Mühe hat, wieder in Gang zu kommen. Er geht mit kleinen Schritten auf eine Bank zu, die unter dem einzigen Baum steht, der es zu einem bescheidenen Blätterdach gebracht hat. Umständlich lässt er sich darauf nieder. Das Kinn auf die Hände gelegt, der Stockknauf als Stütze für das Gewicht des Kopfes, den Blick zu Boden gerichtet, so verharrt er eine halbe oder dreiviertel Stunde.

Für ihn vergeht die Zeit anders als für mich. Mit jeder Minute seiner Bewegungslosigkeit wächst meine Spannung. Die feuchte Luft riecht dann immer besonders intensiv nach Meer. Ich lecke mir mit der Zunge über die Lippen, die einzige Bewegung, die ich mir gestatte. Reglos und schweigend ruht der Alte in sich selbst. Da gibt es eine Welt, die nur ihm allein gehört und die ist gerade mal so groß wie der Schatten des Bäumchens. Aus der Ferne betrachtet könnte man annehmen, da sitzt einer, der müde geworden ist vom Leben. Man könnte auch denken, dass seine Anwesenheit auf dem Platz Zufall ist. Aber ich weiß es besser. Immer dann, wenn ich kurz davor bin, aufzuspringen, weil ich die Ungewissheit nicht länger ertragen kann, wenn ich mir plötzlich sicher bin, dass ich mir die Geschichten um den Alten nur ausgedacht habe, kommen die Tauben angeflogen, ganz langsam und vorsichtig, immer eine nach der anderen.

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