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Muttersprache (Auszug)Ende Mai lag ein Einschreiben im Briefkasten, das mich vom Ableben einer gewissen Doña Maria Dolores Ibañez Rodriguez in Kenntnis setzte. Ich musste eine Weile überlegen, bis ich darauf kam, dass es sich dabei um eine Tante meiner Mutter, der Schwester meiner Großmutter handelte. Als Kind hatte ich sie mir als Madonna vorgestellt, seit ich einmal heimlich eine Osterprozession im Fernsehen gesehen hatte, bei uns zu Hause waren religiöse Dinge natürlich verpönt. Ein maschinengeschriebener Brief, das E tieferliegend, was mir sofort ins Auge fiel, wer tippt denn heute noch auf einer mechanischen Schreibmaschine, dachte ich, beinahe gerührt über den verrutschen Buchstaben, und dazu kamen mir gleich ausradierte Tippfehler und das rhythmische Klappern der Tastatur beim Anschlag in den Sinn, vielleicht auch das eine Fernseherinnerung an einen längst vergessenen Film, aber noch viel sonderbarer fand ich die umständlichen Formulierungen in altmodischem Amtsdeutsch, die mir eine Frau in Erinnerung brachten, die ich nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen hatte. Das musste Anfang der 70er Jahre auf der Rückreise nach Deutschland gewesen sein. Wir hatten einen Besuch bei der Familie in Malaga gemacht, der mit einem heftigen Streit zwischen meiner Mutter und meiner Großmutter und unserer überstürzten Abreise geendet hatte. Den Rest unseres Urlaubs verbrachten wir in einem Hotel an der Costa del Sol, das wir uns eigentlich nicht leisten konnten. Ich spielte den ganzen Tag mit den deutschen Kindern am Strand. Bei den Mahlzeiten saßen wir für uns. Zum Abendessen gab es Wiener Schnitzel und Pommes, was mich sofort für das Hotel eingenommen hatte, genauso wie das Neonflimmern der Leuchtreklame, das pinkfarbene A von Paloma Blanca direkt neben unserem Balkon, von dem aus ich einen Eindruck dessen bekam, was im Hotelprospekt „Nachtleben“ genannt wurde, und beim Einschlafen zählte ich die Sekunden zwischen aufleuchten und abblenden, aber nie kam ich auf das gleiche Ergebnis, entweder die Intervalle änderten sich ständig, oder ich konnte den Zählrhythmus nicht durchhalten. |
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