Barcelona, amor meu

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Pollo Rico (Auszug)

I.

Vor Jahren, wenn ich meine Freundin im Raval besuchte, fragte ich gleich unten an der Haustür nach, ob ich außer einer Flasche Rotwein noch etwas anderes mitbringen sollte. Oft war ich die vier Stockwerke – die beiden Zwischenstockwerke eingeschlossen – hinaufgelaufen und musste dann nochmal kehrt machen, weil eine Kleinigkeit fehlte. Aber dann war eine Sprechanlage installiert worden und das machte die Sache einfacher. Kurz bevor ich den Finger auf den Klingelknopf legte, schloss ich Wetten mit mir ab, ob es ein Pollo Rico Tag werden würde. Ungeduldig wartete ich darauf, dass meine Freundin den Satz aussprechen würde, den ich längst auswendig kannte. Die Worte, die das Ritual begleiteten, wurden von einem tiefen Seufzer eingeleitet, den sie dort oben, vier Stockwerke über mir in die Sprechmuschel entließ und der immer leicht verzerrt auf der Straße ankam. Dann folgte eine kurze Pause, ein Rauschen in der Leitung, als ob eine große Entfernung zwischen uns läge. Und dann sagte sie, ein halbes Hähnchen vom Pollo rico vielleicht, ich mache uns einen Reis dazu, ein bisschen Salat und Avocados sind auch noch da, was meinst du? Am Tonfall konnte ich den Grad ihrer Sehnsucht nach der anderen Stadt heraushören, die sie vor einer halben Ewigkeit verlassen hatte und die ihr trotzdem näher war als die Straße, auf der ich stand. Ich vermutete, dass ein Zusammenhang zwischen Brathähnchen und Heimweh bestand, zudem rührte mich die eigenartige Satzmelodie, mit der sie diese Worte aussprach immer wieder aus Neue. Schnell lief ich zum Pollo rico rüber. Es waren ja nur ein paar Schritte, kaum der Rede wert. Und dann stand ich auch schon vor dem fettverkrusteten Fensterglas, hinter dem sich tagein, tagaus Hähnchen an langen Spießen drehten. Es war ein schauriger Anblick, sobald man darüber nachdachte. Obwohl ich schon damals kein Fleisch mochte, ließ mir die knusprig gebratene Hähnchenhaut im ersten Moment das Wasser im Mund zusammen laufen. Dagegen kam ich einfach nicht an. Ich zog an dem schmierigen Griff, und sofort schlug mir eine geballte Ladung Hähnchenfett entgegen, eine Art Hähnchenfettkonzentrat, das sich in sekundenschnelle in sämtlichen Hautporen und jeder einzelnen Stofffaser festsetzte und mir übelkeit verursachte.

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