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Von der Lust, den Seifenblasen zu folgen

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Von der Lust, den Seifenblasen zu folgen

Es war einmal ein König. Der lebte in einem Land, in dem es fast nur Könige gab. Dieser König hatte alles, was man sich nur vorstellen kann. Unter anderem besaß er ein gekacheltes Badezimmer mit einer riesigen Badewanne, die immer warmes Wasser enthielt, so dass er baden konnte, so oft er wollte. Wenn er dann in der Wanne saß -und das geschah sehr häufig- grübelte er über den Sinn des Lebens nach. Dazu ließ er den Seifenschaum blubbern und freute sich an den bunten Seifenblasen, die gleich seinen Gedanken emporschwebten, an der Decke seines Badezimmers hängen blieben, um nach einiger Zeit zu zerplatzen.

“Ach”, seufzte er dann, “auch wenn ich ein König bin, so bin ich doch wie alle anderen und werde nie so frei und unbeschwert über alle Welt schweben können wie diese Seifenblasen. Wie ich sie beneide. Jede ist so bunt und schillernd und in ihrer Gestalt einzigartig.”

Als er sich abtrocknete, dachte er:” Wenn ich immer nur dasitze, wird sich nie etwas ändern.”

Er beschloss, in den Keller zu gehen, um seine Zauberdose zu befragen.

Jahrelang hatte der König versucht, dieZauberdose zu öffnen, aber bisher waren all seine Bemühungen vergeblich gewesen. Und was hatte er nicht alles probiert?!

Natürlich hatte er absolut keine Lust, von irgendeinem Menschen bei seinen Versuchen überrascht zu werden. Deshalb hatte er sich eine kleine Kammer abseits von allem anderen eingerichtet, in die er sich hin und wieder zurückzog, wenn seine Geschäfte es zuließen.

“Wenn die Menschen doch nicht so neugierig wären, könnte ich ja einmal jemanden fragen”, dachte er, als er das kleine Kämmerchen aufschloss.

Denn selbst wenn ihn jemand daraufhin angesprochen hätte, niemals hätte er zugegeben, überhaupt eine solche Dose zu besitzen, geschweige denn, dass er unfähig war sie zu öffnen. Dass ein Geheimnis dahinter steckte, dessen war er sich sicher. Da er immer älter wurde, wurde er auch immer ungeduldiger. Deshalb ließ er auch nicht locker und verbrachte jeden Tag einige Zeit mit der Dose.

Sie war sehr klein und zierlich gearbeitet, und wenn er sie in seinen Händen hielt, vergaß er alle ängste und Sorgen. Er liebte das glatte, abgerundete Holz, die zierlichen Scharniere und die unbestimmbare Farbe. Es konnte vorkommen, dass ihm an einem Tag, an dem er sich besonders bedrückt fühlte, die schönsten Farben, ähnlich eines Regenbogens, entgegenleuchteten, während sie an anderen Tage eine unergründliche Schattierung zu haben schien, die er nicht so recht einordnen konnte. Manchmal, wenn er ins Grübeln kam, stellte er der Zauberdose die Fragen, die ihn zutiefst beschäftigten. Nicht, dass er wirklich eine Antwort bekommen hätte, aber er wurde auf geheimnisvolle Art und Weise inspiriert. Alles in allem war er ein recht fröhlicher und zufriedener Mensch, aber gerade das störte ihn. Er wollte etwas Außergewöhnliches vollbringen, etwas, das noch keiner vor ihm vollbracht hatte.

Da es aber schon alles gab, was man sich vorstellen kann, sämtliche Kontinente bekannt und alle Planeten im nahen und fernen Umkreis bereits erobert waren, war der arme König ganz ratlos.

Denn um von seinen Leuten geachtet zu werden, mußte man schon etwas vorweisen können, das sichtbar war: materielle Güter, die sich messen ließen in Größe, Gewicht, Metern oder gar Quadratkilometern.

Seine Träumereien behielt er lieber für sich, dafür würde er höchstens ausgelacht werden. Es war zwar nicht so, dass der König mit seinen Gedanken alleine dagestanden wäre, aber in die öffentlichkeit trug man solche Dinge nicht, man dachte sie höchstens für sich alleine und verdiente sich seinen Lebensunterhalt anderweitig.

Außerdem achtete man peinlichst darauf, nicht zuviel von dem verlauten zu lassen, was einen im Innern der Seele beschäftigte. Das ging soweit, dass selbst die besten Freunde oder die, die sich dafür hielten, einander misstrauten. Am schlimmsten war der Neid untereinander. Da alle Könige waren, mussten sich alle schrecklich anstrengen, um sich aus der Masse hervorzuheben. Dazu waren allerlei Tricks vonnöten, die man niemandem verriet.

Auf die Dauer war es natürlich ungesund, in diesem Zwiespalt zu leben, so dass viele Leute krank wurden und gar nicht so genau wußten, was ihnen eigentlich fehlte. Die Doktoren gaben sich viel Mühe, die Forscher erfanden immer neue Geräte und Apparaturen, die aber letztendlich nichts halfen.

Der König litt sehr darunter. Deshalb hoffte er inständig, wenigstens ein bißchen ändern zu können, um seinem Land einen Dienst zu erweisen.

Er überlegte tage- und nächtelang. Eines Tages hatte er eine zündende Idee. “Ich werde mich in anderen Ländern umsehen, vielleicht liegt die Lösung unserer Probleme in der Ferne.”

So kam es, dass er seine Dose, von der er sich allerlei nützliche Ratschläge erhoffte, einpackte und mit dem nächsten Traumboot aufbrach. Er nutzte die lange Reise zu einem tiefen Schlaf. Als er aufwachte schien die Sonne hoch am Himmel. Er rieb sich schlaftrunken die Augen, und als er sich gerade fragte, wo er wohl gelandet sei, brauste es in der Luft. Der König konnte eine Gestalt auf einem Fluggerät erkennen, die schnell näher kam und direkt vor ihm landete. Die Gestalt hatte rotes, struppiges Haar, ein freundliches Gesicht mit lachenden Augen und lustigen Sommersprossen. Der König zuckte zusammen. Er hatte äußerst selten mit Frauen zu tun gehabt, -und schon gar nicht mit solchen. Nachdem sie den Staubsauger abgeschaltet hatte, klopfte sich die Frau die lila Latzhose ab und fragte auffordernd:” Wo kommst Du denn her?”

Der König starrte sie an, als ob sie von einem anderen Planeten käme und versuchte, sich an die Erzählungen und Beschreibungen über Frauen zu erinnern, denn er wußte nicht so recht, was er sagen sollte. Schließlich murmelte er:”Ich bin ein König as dem Land der Könige - und Du?”

Sie steckte die Hände locker in ihre Hosentaschen. “Ich bin die Hexe Gertrude. Unser Land heißt Hexanien und ist sehr groß”, wobei sie eine ausladende Handbewegung in unbestimmte Richtung machte. “Hier leben nur Hexen...” Da staunte der König nicht schlecht. “Ich wußte gar nicht, dass es Euch wirklich gibt”, sagte er. Gertrude lachte. “Aber wir wissen alles von Euch, denn früher kamen öfter mal Könige zu Besuch. Warum kommt Ihr nicht mehr?” fragte sie.

Da erzählte der König alles, was ihn bedrückte. Er schilderte die Zustände in seinem Land und was ihn hergeführt hatte. Gertrude nickte: “Ich weiß nicht, ob ich Dir helfen kann”, sagte sie, “aber komm erst mal mit.”

Sie stellte den Motor ihres Staubsaugers an und forderte den König auf, sich hinter sie zu setzen. “Aber halt dich gut fest.” Das tat der König, denn schon ging es mit atemberaubender Geschwindigkeit los, so dass ihm Hören und Sehen verging. Aber es machte ihm riesigen Spaß, so über die Landschaft hinwegzubrausen. Er dachte an seine Seifenblasen zu Hause. Als Gertrude einige Loopings flog, wurde er richtig übermütig.

Der Staubsauger setzte sanft auf dem Boden auf und der König blickte sich erwartungsvoll um. Von überall her liefen Hexen neugierig zusammen. Gertrude war natürlich stolz, einen seltenen Gast mitgebracht zu haben.

Nachdem ihn alle begrüßt hatten, wurde beschlossen abends ein Fest zu veranstalten, damit sich der Fremde gleich wohlfühlen sollte.

In Windeseile war alles herrlich und fraulich geschmückt. In den Bäumen schwebten Glühwürmchen, die so hell leuchteten, wie sie konnten. Bunte Pfauen tanzten den Begrüßungstanz und zarte Schmetterlinge wirbelten in der Luft herum. Auf langen Tischen standen leckere Speisen und Getränke. Einige der Hexen fingen an, Musik zu machen.

Die Instrumente, von denen der König die wenigsten kannte, hatten einen wunderschönen Klang, und mit einem Mal begannen alle zu tanzen. Die Hexen drückten im Tanz soviel Lebensfreude aus, dass der König sich wünschte, mitmachen zu dürfen.

“Wenn doch bei uns auch so getanzt würde”, dachte er. Aber seine Traurigkeit währte nicht lange. Er fand sich mitten unter den Tanzenden wieder und spürte, wie ihre Kraft und Fröhlichkeit auf ihn überging, so dass er sich von der Musik treiben ließ. Als alle ganz erschöpft waren, rief eine Hexe: “Auf zum See!” Der Tanz ging über Wiesen und Felder durch einen Wald, in dessen Mitte ein großer, klarer See lag, auf dessen Oberfläche sich sanfte Wellen kräuselten.

Einige Hexen begannen leise zu singen. Ihre hohen und reinen Stimmen sammelten sich in der Luft zu einer eigentümlichen Tonfolge, so ergreifend und süß, dass der König den Tränen nahe war.

Aber bevor er wirklichh zu weinen anfing, geschah etwas Aufregendes. Aus der Stille des Sees tauchte eine Nixe auf, die so schön und vollkommen war, dass dem König der Atem stockte.

Leise tuschelte Gertrude dem König zu: “Das ist die Wassernixe Janolina, sie besitzt die Weisheit aller Lebewesen.”

Der Gesang war verstummt und es herrschte völlige Stille. “Vor langer Zeit gab es ein großes Land.” begann Janolina mit sanfter Stimme. “Dieses Land war unvorstellbar groß und bedeckte die ganze Erde. Dort lebten die unterschiedlichsten Lebewesen in völliger Harmonie miteinander. Aber eines Tages kam das “Böse Krachen’ über sie. Es entstand das Missverständnis. Keiner konnte mehr den anderen verstehen, die Zwietracht hielt ihren Einzug. Jedes Lebewesen versuchte, dieser Angst zu entfliehen und seine eigene Haut zu retten. Die Menschen packten ihre Phantasie und Träume in kleine Dosen um sie niemandem preiszugeben. Aber nach und nach bekam der “Böse Krach’ die Gewalt über diese Dosen, was seine Macht festigte, weil er sich die Phantasie und Träume der Menschen zunutze machte. Da die meisten Menschen ohne ihre inneren Schätze nicht mehr leben konnten, gibt es heute nur noch zwei sehr widerstandsfähige Arten, die sich aber in ihrer Lebensweise unterscheiden: die Hexen und die Könige. Ich lebte früher in der ganzen Welt, aber das “Böse Krachen’ hat mich hierher verdammt. Dies ist der einzige Ort, an dem ich ungestört leben kann. Meine Gestalt bewahrt mich vor dem Untergang. Immerhin kann ich Euch beschützen, meine Hexen. Denn solange das “Böse Krachen’ nicht alle Dosen in seiner Gewalt hat, wird das “Böse Krachen’ niemals Ruhe geben.”

Mit diesen Worten verschwand Janolina wieder in den Fluten. Die Stimmung war gedrückt und die eben noch fröhlich tanzenden Hexen machten sich schweigsam auf den Heimweg.

Der König, der lange über die Worte der weisen Nixe nachdenken musste, konnte an diesem Abend nicht einschlafen. Er kramte seine Dose hervor und betrachtete sie immer wieder. Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf. “Sollte das so eine Dose sein, von der Janolina gesprochen hatte? Beinhaltet sie all das, was ich in meinem Leben vergeblich gesucht habe? Dann hat das “Böse Krachen’ immer verhindert, dass ich sie aufbekam? Muss ich sie nicht allen Menschen zugänglich machen, damit sie wieder glücklich werden können? Ich kann doch zumindest ein kleines Stück dazu beitragen.”

Er zögerte kurz und schlich sich dann aus dem Haus. An den Weg zum See erinnerte er sich noch gut. Seine Dose würde dort am besten aufgehoben sein, wo das “Böse Krachen” selbst nach seinem Tod keine Gewalt über sie erlangen konnte. Das spürte er jetzt. Der Weg war lang und beschwerlich. Erschien jetzt viel länger als zuvor. Die Angst kroch dem König die Beine hoch, so dass er am liebsten umgekehrt wäre. Es war ungeheuer mühsam, einen Fuß vor den anderen zu setzen, deshalb kam er nur langsam vorwärts. Der König erschrak vor seinem eigenen Schatten, den das Mondlicht zwischen die Bäume warf. Wildes Geäst zerkratzte ihm das Gesicht und vom Sturm entwurzelte Bäume, die er beim ersten Mal gar nicht wahrgenommen hatte, lagen über dem Weg. Aber der König wollte das Böse nicht siegen lassen: “Wenn ich jetzt umkehre, wird es mich erdrücken. Es gibt kein Zurück, denn jetzt kann ich endlich etwas Besonderes vollbringen.” So redete er sich Mut zu und je näher er dem See kam, desto leichter wurden sein Schritt und sein Herz. Der Wald gewann die Schönheit und Ruhe wieder, die der König kennen gelernt hatte. Als er endlich am See angelangt war, warf er entschlossen seine Zauberdose in das Wasser und freute sich an den sich bildenden Ringen.

Aus der Tiefe des Sees drang ein gewaltiges Rauschen und eine riesige glitzernde Fontäne schoß gen Himmel, die den König erfasste und ihn mit sich trug. Während er in die Höhe getragen wurde, vermeinte er die glücklichen Gesichter der Hexen zu sehen. Mit einem Mal fühlte er sich frei und unbeschwert, wie er es sich immer gewünscht hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben war er wirklich glücklich.

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