Letzte Nacht mit Klara
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Letzte Nacht mit Klara
1. Kapitel
Das Taxi bleibt mit eingeschalteter Innenbeleuchtung mitten auf der Straße stehen. Eine Frau steigt aus, nimmt ihre Tasche vom Rücksitz und geht auf einen Gebäudekomplex zu, die von einer parkähnlichen Anlage umgeben und vom Gehweg aus nur schwer einsehbar ist. Hinter den Fenstern, die teilweise hinter alten Bäumen verborgen sind brennt längst kein Licht mehr. Im Schein der Straßenlaternen wirkt die graue Fassade beinahe gespenstisch. Die plötzliche Windstille, das Aussetzen des Blätterrauschens lässt die Frau aufhorchen, doch da sind nur der Dieselmotor der Taxe und ihre eigenen Schritte auf dem Pflaster, die sie jetzt beschleunigt. Als sie den Hauseingang erreicht, schaltet sich automatisch die Beleuchtung unter dem Vordach ein. Ein Nachtfalter flattert auf und stößt mit den Flügeln gegen das milchige Glas der Lampe. Die Frau dreht sich um und hebt den Arm. Sie schließt die Tür auf und hört gleich darauf, wie das Taxi wegfährt. Sie geht durch den hell erleuchteten Flur, zögert kurz, bleibt dann aber vor den Briefkästen stehen. Als sie die Klappe öffnet, fallen ihr eine Zeitschrift und ein länglicher Umschlag entgegen. Sie klemmt die Post unter den Arm und geht weiter. Erst im Aufzug schaut sie sich den Umschlag genauer an. Es kommt ihr gleich merkwürdig vor, dass nur ihr Name darauf steht, handschriftlich, ohne Adresse und Briefmarke. Vielleicht eine Mitteilung der Hausverwaltung, denkt sie, als der Aufzug im Dachgeschoss hält und dass sie gerne einmal wieder einen richtigen Brief bekommen würde. Sie öffnet die Wohnungstür und lässt Taschen und Mantel gleich am Eingang fallen. Im Dunkeln durchquert sie das Wohnzimmer und wirft im Vorbeigehen Brief und Zeitung auf den Couchtisch. Auf dem Weg in die Küche streift sie sich die Schuhe von den Füssen und schaltet die Stereoanlage ein. Als sie die Kühlschranktür öffnet, fällt ein schmaler Lichtstrahl auf das glänzende Parkett. Sie gießt Gin und etwas Tonic in ein Glas und geht ins Wohnzimmer zurück. Mit einem Seufzer lässt sie sich in das schwarze Ledersofa fallen. Sie schaltet die Stehlampe an und schiebt den Dimmer weit nach unten. Als sie nach der Zeitung greift, fällt das Magazin aus der Wochenbeilage heraus. Sie wirft einen Blick auf das Cover, eine Tänzerin mitten in der Bewegung, eine gelungene Aufnahme. Mit geübten Griffen fischt sie nach dem Feuilletonteil und blättert mit flinken Fingern durch die Seiten. Hastig überfliegen ihre Augen die drei Spalten mit der überschrift Fassaden und Perspektiven. Mit ihren neuesten Fotografien lenkt Konstanze Richter den Blick sofort ins Innere und hält sich nicht lange mit Außenansichten auf. Konstanze beisst auf ein Stückchen Eis. Manchmal waren die Kritiken von einer umwerfenden Logik. Irgend etwas müssen diese Leute eben schreiben, das ist schließlich ihr Job, denkt sie. Beim nächsten Satz zieht sie allerdings die Augenbrauen hoch. Leider wirkt ihre Schwarz-Weiß-Sicht tendenziös und stellenweise manipulativ, was der Fantasie nicht gerade zuträglich ist. Manipulativ, sagt sie, was soll das denn heißen? Solche Wörter sollten verboten werden. Und das liegt nicht nur daran, dass wir es hier mit Schwarz-Weiß Fotografien zu tun haben, liest sie weiter und streicht sich die Haare aus der Stirn. Dabei sieht ihr Gesicht trotz des gedämpften Lichts plötzlich sehr müde aus. Als ob nicht jeder selbst entscheiden könnte, was er sehen will, denkt sie ärgerlich und überwindet sich dazu, bis zum Ende zu lesen. Mit dem Blick auf die äußere Struktur ins Innere zu gelangen und darzustellen, was man eigentlich nicht sieht, sondern nur vermuten kann, die Abbildung des vermeintlich Unsichtbaren, das doch überall sichtbar ist, bleibt jedoch nach wie vor eine der großen Herausforderungen, vor die uns die Künstlerin immer wieder stellt.
Das klang doch schon besser. Sie lacht auf, als sie das Kürzel unter dem Artikel entziffert. Der hat auch schon intelligentere Sachen geschrieben, denkt sie schadenfroh. Eigentlich konnte ihr egal sein, was da über ihre Ausstellung stand. Mittlerweile konnte sie ganz gut von ihren Fotos leben. Trotzdem freute sie sich darüber, eine Kritik in der Wochenbeilage zu haben. Konstanze faltet die Zeitung zusammen und legt sie auf den Tisch zurück. Da liegt noch immer der Umschlag. Sie öffnet das Couvert. Als sie die Karte herauszieht, stellt sie fest, dass es sich um eine Todesanzeige handelt. Wir trauern um unsere Freundin Clarissa Brandstätter, die uns ganz plötzlich verlassen hat. Sie liest den Satz gleich noch einmal und schüttelt den Kopf. Nein, die kennt sie nicht, eine Frau dieses Namens ist ihr nicht bekannt. Einen Moment lang ist sie beinahe erleichtert darüber. Aber irgend etwas in dieser Erleichterung fühlt sich falsch an, obwohl sie nicht weiß, warum. Sie denkt einen Augenblick nach und kneift dabei die Augen zusammen, wie sie das manchmal auch hinter der Kamera macht. Clarissa Brandstätter, murmelt sie, aber da kommt kein Echo aus der Stille. Nur leise Musik aus dem Radio. Sie wartet eine Weile, aber es taucht kein Bild vor ihr auf, das einen Zusammenhang zwischen Namen und Gesicht herstellen würde. Merkwürdig, denkt sie, wahrscheinlich hat sich der Absender geirrt und der Brief ist gar nicht für mich bestimmt. Doch auf dem Umschlag steht eindeutig ihr Name. Die Handschrift ist krakelig, beinahe kindlich und kommt ihr irgendwie bekannt vor, aber das muss nichts heißen, beruhigt sie sich gleich wieder. Viele Menschen, die in derselben Gegend leben, haben eine ähnliche Handschrift, vor allem Angehörige derselben Generation. Das hat sie erst kürzlich in einem Magazin gelesen. In ihrem Fall handelte es sich um eine Verwechslung, dessen ist sie sich nun sicher, Handschrift hin oder her. Andererseits gibt es nicht allzu viele Frauen, die Konstanze Richter heißen. Sie hat es zwar nicht überprüft, aber wahrscheinlich ist sie sogar die einzige in der Stadt. Langsam beginnt sie die Sache zu interessieren. Auf der Suche nach einem Anhaltspunkt, der sie weiterbringen könnte, liest sie die Anzeige noch einmal. Kein Zweifel, das ist eine richtige Traueranzeige mit Ort und Uhrzeit der Bestattung, sie kennt sogar den Friedhof. Das ist nicht weit von hier, sie könnte zu Fuß hingehen. Dann bemerkt sie, dass die Beerdigung schon am nächsten Vormittag stattfindet. Ein Blick auf die Uhr sagt ihr, dass sie nur etwas mehr als acht Stunden Zeit hat, wenn sie sich tatsächlich auf den Weg machen will. Aber dazu muss sie erst einmal wissen, wer die Frau ist, die man beerdigen würde. Clarissa, sagt sie langsam und mit der Betonung auf der ersten Silbe und ihre Stimme bekommt einen gereizten Unterton. Wer verdammt noch mal ist diese Clarissa? Und mit einem kurzen Blick auf die Anzeige korrigiert sie sich und sagt es noch einmal laut in das dunkle Zimmer hinein, wer war Clarissa? Da fliegen die Worte bis an die Zimmerdecke hinauf und drehen ein paar Runden dort oben, bevor sie im Herabfallen wieder zueinander finden und sich dann über Konstanze hermachen. Clarissa war Klara, diese schlichtere Namensvariante hatte sich Klara selbst ausgesucht. Namen, die im Ausweis standen, waren etwas für Behörden und Arztbesuche, ein unnötiges Relikt aus einer anderen Welt, die sie am liebsten ganz abgelegt hätte. Konstanze lächelt bei diesem Gedanken, und im selben Augenblick ist ihr bewusst, dass es ein wehmütiges Lächeln ist, das sich da in ihr Gesicht verirrt hat. Wie schnell man solche Dinge vergisst, denkt sie. Früher reichte ein selbst gewählter Vorname für eine Freundschaft. Da hat sie endlich das Wort gedacht, das die Verbindung herstellt. Warum ist sie nicht schon eher darauf gekommen? Klara und Freundschaft waren zwei Begriffe, die zusammen gehörten. Doch an diesem Punkt geraten ihre Gedanken schon wieder ins Schlingern. Sie hat Angst davor, dass sich die flüchtige Erinnerung gleich wieder in seine Bestandteile auflösen und in ihren Gehirnwindungen verschwinden könnte. Etwas in ihr will das nicht zulassen, obwohl da auch eine andere, allerdings viel leisere Stimme ist, die eher für loslassen plädiert. Aber da hat Konstanze sich entschieden und sie spürt, wie sich ihr Gedächtnis langsam in Bewegung setzt. Zurück kann sie jedenfalls nicht mehr. Warum hat man ihr diese Anzeige in den Briefkasten geworfen? Konstanze versucht wieder, sich ein Gesicht vorzustellen, das zu dem Namen auf der Karte gehören könnte, aber der Platz, der für das Bild vorgesehen ist, bleibt leer. Das ärgert sie, schließlich ist sie Fotografin und sollte ein Gedächtnis für Gesichter haben. Aber da ist kein Bild, nur eine heftige Traurigkeit, die sie ganz plötzlich überfällt. Sie schluckt gegen die Tränen an. Das Gefühl, das dabei in ihr hoch kriecht, sagt ihr, dass etwas Wichtiges in ihrem Leben nun endgültig vorbei ist, das mit der Frau zusammenhängt, die Klara heißt und vor ein paar Tagen gestorben ist. Da ist etwas Verborgenes tief in ihr drinnen, das schon lange nicht mehr berührt wurde. In diesem Augenblick bricht etwas durch eine Schutzschicht ihres Bewusstseins, das sich wie ein kalter Wasserstrahl anfühlt, dem sie nicht ausweichen kann. Plötzlich steht Klara wieder vor ihr. Bruchstücke von Erinnerungen tauchen in ihr auf, diffus und unscharf wie eine überbelichtete Fotografie. Sie fragt sich, wer ihren Namen mit Klaras Schrift auf den Umschlag geschrieben hat, denn dass es Klaras Schrift ist, daran zweifelt sie nun nicht mehr. Andererseits, niemand verschickt seine eigene Todesanzeige. Nicht einmal Klara würde so etwas fertig bringen. Es will ihr nicht in den Kopf, warum sie erst jetzt, wo alles zu spät ist, eine Nachricht erhält. Der Verdacht, dass Klara die ganze Sache bewusst eingefädelt hat, lässt sie von nun an nicht mehr los. Vielleicht hat Klara genau das bezweckt. Als ob sie vorhergesehen hätte, wie die andere hilflos dasitzen und nach einem Faden suchen würde, um an ihre gemeinsame Geschichte anzuknüpfen. Doch da ist zuerst einmal nur ein undurchdringbares Gestrüpp von Gefühlen, das sich nach all den Jahren nicht so ohne weiteres entwirren lässt. Konstanze bleibt vor der hohen Dornenhecke stehen. Während sie nach einem Weg sucht, der ins Innere des Labyrinths führt, dorthin, wo sie Klara vermutet, stellt sie verwundert fest, dass ihr die Entfernung, die in diesem Augenblick zwischen ihr und Klara liegt, mehr Schmerz bereitet als die Tatsache ihres Todes. Für Konstanze liegt Klara nur da und schläft, sie will sich eine tote Klara nicht vorstellen. Vielleicht kommt das daher, weil ich am Ende nicht mehr an ihrem Leben beteiligt war, denkt sie. Ganz plötzlich verlassen, so steht es auf der Karte und das passt zu dem wenigen, an das sie sich erinnert. Irgendwann ist ihr Klara abhanden gekommen, einfach aus ihrem Leben verschwunden. Sie sieht eine Straße, auf der ihre Geschichte verstreut liegt wie Kleidungsstücke, die ihr unbemerkt aus dem Koffer herausgefallen sind. Stück für Stück muss sie aufsammeln, wenn sie das, was da über Klara auf der Karte steht, ernst nehmen will. Konstanze sitzt unbeweglich auf ihrem Sofa. Ein kleines Detail, ein kurzer Geistesblitz würde schon ausreichen, um ihrer Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Als sie noch einmal aufstehen will, um sich einen neuen Gin-Tonic aus der Küche zu holen, nimmt sie die Musik wahr, die im Radio läuft. Obwohl es sich um eine jazzige Instrumentalversion von The Passenger handelt, erkennt sie die Melodie sofort wieder. Sie hat dieses Lied jahrelang nicht gehört. Ohne nachzudenken singt sie den Text mit. I am the passenger, and I ride and I ride, I ride through that city’s backsides… und dann kommen Bilder, mit denen sie sich auf den Weg zu Klara machen kann. Vorerst sind es eher Bildfetzen, die sich in ständiger Bewegung gegenseitig überlappen und schwer zu greifen sind. Ihr wird schwindlig. Der nächste Drink muss warten. Sie lässt sich wieder in die Polster zurückfallen, schließt die Augen und überlässt sich ganz der Musik. Dabei öffnet sich die Dornenhecke einen Spalt weit, gerade groß genug, damit sie durchschlüpfen kann.
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